Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 11 (20.5.1866)
- Date
- 1866-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 115 — Ei» Mkdiriner. Origmal-Novelle vo Fünftes Kapitel. Das Eisenbahnunglück. (Fortsetzung.) Es ist ihm leicht, diese Last von sich abzuwälzen, die jedesfallS glücklich auf ihn gefallen war. Es war ungefähr die halbe Seitenwand eines Waggons, die ihn bis zum Halse mit ihrem eben nicht zu schweren Gewicht bedeckte. Wäre sie ihm auf den Kopf zu fallen gekommen, wer weiß, ob er sich hätte aufrichten, ob er überhaupt je hätte aufstehen können. Er denkt aber nicht an sich, sondern an Häusler und sie. Vielfaches Geräusch macht die Verwirrung, in der sein Geist noch befangen ist, gänzlich weichen. Die unbeschädigt Gebliebenen eilen jammernd und wehklagend umher und suchen ihre Theuern. Hier ein unarticulirter Schrei der Wonne, aus dem tiefsten Herzen kommend, wenn die Mutter das Kind unversehrt ihr in die Arme eilen sieht. Dort Wehegeschrei; blutig und zerschmettert legt man die Leiche des Gatten der jungen Frau in die Arme. Entsetzt wendet Salamon seinen Blick ab, und geht, oder besser gesagt, schleicht, insoweit seine Kräfte es gestatten, von einem Waggon zum andern, um seine Leute zu suchen. Das weiß er, daß er nicht an der Stelle, wo sein Waggon stand, zur Besinnung kam. Er mußte weithin bei dem Ungeheuern Stoß geschleudert worden sein. Keine bekannte Stimme ruft ihm zu. Jetzt ist er an den Punkt gelangt, wo sein Train ein Ende hat; denn vor ihm liegt zu einem schrecklichen Klumpen zusammengeballt, eine Masse von Eisen und Stahl, in deren Mitte unheimlich die glühenden Kohlen des Kessels funkeln. Hier muß das Locomotiv gestanden haben. Knapp daneben glüht eben ein solcher Klumpen; es ist das zerschmetterte Locomotiv des andern Zuges, der mit dem seinen zusammenstieß. Daneben liegen — schrecklich anzuschen — abgerissene Glieder, eine Hand neben einem Kopfe, ein blutiger Rumps neben einem abgefahrenen Fuß — die armen Maschinenführer. Salamon wendet entsetzt den Blick ab, und sich nach rückwärts, um zu suchen. Die Finsterniß, die um so dichter wird, je mehr er sich von der Glut der zerschmetterten Locomotive entfernt, erschwert ihm seine Arbeit sehr. Da naht Hülfe zu rechter Zeit. Von der nächsten Station kommt eben ein Rettungszug herangebraust. Das Nichteintreffen des Zuges an dieser Hauptstation hat die Absendung dieses Trains veranlaßt, der langsam sich dem Orte nähert, wo das Unglück geschehen. Im Nu erhellen Massen von Laternen den schrecklichen Schauplatz. Aerzte eilen den Verwundeten zu Hülfe, Träger eilen mit Bahren zur Wegschaffung der Verwundeten und Tobten herbei. Einen derselben spricht Salamon an und ersucht ihn, ihm mit seiner Laterne zu folgen, er suche seine Reisegefährten, die gewiß verwundet sein müßten, da er sie bisher nicht gefunden. Willig folgt ihm der Mann. Da endlich hören sie unter einem umgestürzten Waggon ein leises Wimmern. Salamons Herz steht fast still vor Angst. Dieser Waggon ist mit der Decke nach unten zu liegen gekommen. Die Räder stehen nach aufwärts. Der ihn begleitende Mann eilt um einen Hebebaum. Jndeß wird das Wimmern immer schwächer, Salamon fürchtet den Erstickungstod der darunter Liegenden, es ist keine Zeit zu verlieren. Mit Riesenkraft stemmt er sich gegen die Seitenwand des Waggons — unmöglich. Das Wimmern ist verstummt. Jetzt kommt sein Mann. Mittelst des Hebebaumes gelingt eS ihren vereinten Anstrengungen, den Wagen zu heben; richtig, er ist mit seinem vollen Gewichte, das sich in der umgestürzten Decke concentrirte, auf den darunter Liegenden gefallen. Der Mann leuchtet mit der Laterne in das Angesicht — einer Leiche. „Gottlob!" ruft Salamon, es war ein unbekanntes Antlitz. Wieder beginnt ein rastloses Spähen und Suchen. Da endlich liegt ein Hausen zertrümmerter Wagentheile hoch auf- Arnold Weisse. geschichtet. „Hier müssen sie sein," sagt Salamon. „Sie dürften ebenso, wie ich, da sie in einem der vordersten Waggons saßen, durch die fürchterliche Gewalt des Stoßes herausgeschleudert worden sein; auch aus mich fiel ein Stück Wagen, also frisch ans Werk." Sie räumen ein Stück nach dem andern fort. Wenigstens vier Schuh hoch lagen in bunter Verwirrung Räder, Seitenwände, Decken und andere Wagentheile. Triumph! Ein Arm ragt hervor. Mit fieberhafter Schnelligkeit räumt Salamon noch einige Trümmer fort. Jetzt erscheint ein Kopf — das volle Licht der Laterne fällt auf denselben, es ist der Häuslers. Salamon fühlt an den Puls — er schlägt, nur eine Ohnmacht hat die Sinne des Freundes befangen, kein Gliederbruch ist vorhanden. „Haben Sie kein Wasser bei der Hand? rasch, es ist mein Freund!" — „Nein," antwortet der Eisenbahnträger, „aber hier ist eine Flasche echten Kümmels, die ich zum Durchwärmen in der kalten Winternacht mitgenommen." — „Noch besser, schnell her damit!" Salamon wäscht mit dem Branntwein die Schläfen des Freundes, der endlich die Augen aufschlägt. Ein Schrei des Entzückens entfährt Salamon. Jndeß kamen Träger mit dem Arzte heran, der die schnelle Transpvrtirung des noch halb Besinnungslosen in einen mit Betten versehenen Wagen befiehlt. Salamon läßt es geschehen und bittet den Doctor, dem er sich als College» zu erkennen gibt, zu bleiben; denn er glaube unter diesem Trümmerhaufen noch einige, die neben ihm gesehen, aufzufinden. Der freundliche Mann wartet gerne, da ohnehin schon alle Verwundeten verbunden und in die Wägen gelegt waren. Wieder werden die Trümmer bei Seite geräumt. jetzt ist man auf einen Körper gekommen — Salamon erkennt ihn als den der Alten, die neben dem Mädchen gesessen. Ihr ist der Fuß gebrochen und dem Kopfe entfließt Blut aus einer ziemlich tiefen, aber nach dem Ausspruch des Arztes ungefährlichen Wunde. Man hebt den Körper auf, der mit seiner ganzen Last, wie man nun sicht, auf einem andern ruhte. Salamon erkennt, da man die Laterne senkt, das holde Antlitz seines vis-ü-vis. Zitternd wirft er sich vor dem bewußtlosen Mädchen aus die Knie und untersucht schnell den Puls. Er schlägt schwach. Er reibt, während er sich schon einer Ohnmacht nahe fühlt, die Schläfen mit dem starken Geiste des Branntweines — jetzt schlägt sie die Augen auf, deren Blick dankend aus den Retter fällt. Salamon sinkt ohnmächtig, seinen gewaltigen körperlichen und geistigen Anstrengungen erliegend, nieder. Sechstes Kapitel. Liebe. Es war ein wunderschöner Wintermorgen, da die in den Eisblumen der Fenster vielfach sich brechende Sonne uns erinnert, sie sei dieselbe, die in goldener Wärme im Mai vom Himmel sieht. Es ist kalt, aber trocken. Der Schnee knistert unter den Schritten des Wanderers, wie knirschend vor Ingrimm, daß die schöne kalte Decke, mit der er Höhen und Tiefen des Pflasters ausgeglichen, unbarmherzig vom menschlichen Fuße zertreten und verdorben wird. Ein ältlicher Mann, gehüllt in einen dichten Pelz, und eine junge Dame nähern sich einem uns wohlbekannten Hause, nach dem sie aus einem Wagen, der unweit desselben wartet, gestiegen. Es ist das Haus Häuslers, des Bildhauers. Sie begeben sich in die erste Etage. Das Mädchen klopft leise an eine Thür. Ein schöner schwarzer Lockenkopf erscheint in derselben, ein rosiger Finger legt sich, Schweigen heischend, an den lächelnden Mund. Der blonde Kopf der Außenstehenden hebt sich in fragender Geberde, worauf der schwarze der im Zimmer sich Befindenden lispelt: „Er schläft, aber nur herein, liebe Lotte, gefällig, Herr Professor?"