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Deborah · 1866-05-01 · Heft 9 (1.5.1866) · page 3

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 9 (1.5.1866)
Date
1866-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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— 97 — den Segen einer frommen, innigstgeliebten und hochverehrten Mutter, einem ihrer Urenkel schärfte sie die Ermahnung ein, kindlich fromm zu bleiben und sich stets zu erinnern, daß die größten Männer, nach deren eigenem Geständnisse, aus unserer Thora die höchste Weisheit geschöpft haben, und ihr Sündenbckenntniß legte sie mit dem Bewußtsein ab, daß es das letzte ist. Sie hatte den sehnlichsten Wunsch genährt, gleich ihrem seligen Vater am Rüsttage des Sabbats die Erde zu verlassen, und auch diesen Wunsch hat Gott in seiner Gnade ihr erfüllt! Von ihren drei Söhnen nehmen zwei besonders eine hervorragende Stellung in der Wiener israelitischen Gemeinde ein: Herr Jacob Brandeis und Herr SaLman Brandeis-Weikersheim; der erstere ist Vertreter der israelitischen Gemeinde in Wien und der letztere englischer Bice- Consul; Beide repräsentiren eines der ersten Banquierhäuser in der Residenz, und sind durch ihre Wohlthätigkeit wie durch ihr warmes Interesse für alle Angelegenheiten des Judenthums rühmlichst bekannt. So hat hier jedes Gute, welches am Menschen, am Staatsbürger und am Israeliten geschätzt wird, in ununterbrochener Kette sich erhalten und der Grundsatz sich bewahrt: „Ein dreifach gezwirnter Faden reißt nicht leicht." Die Hasmonäer. Historische Novelle, aus dem Englischen. Sicbenzehntes Kapitel. Der Weise und die Verkannte. Auf einem anmuthigen, weingekrönten Hügel lag das schöne Zeredah mit seinen üppigen Olivengärten, Feigenbäumen, Balsamstauden, seinen schattigen Tamarisken und Sycamoren, zwischen welchen die Häuser sich versteckten. Die Synagoge, das Lehrhaus und der Gerichtssaal in der Mitte des Ortes überragten die übrigen Gebäude und gaben dem Orte den Namen einer Stadt, die wie eine zufällige Sammlung von Landhäusern aussah. In einem üppigen Garten steht ein kleines, von einem Säulengauge umgebenes Haus, darin finden wir in stiller Zurückgezogenheit den greisen Jose bcn Joeser und die trauernde Jphigenia. Jose ben Joeser ließ sich nur selten im Studium des Gesetzes, dem er die letzten Tage seines Lebens widmen wollte, stören; Jphigenia's Thränen nur und ihr leidendes und gebeugtes Aussehen fesselte zuweilen seine Aufmerksamkeit, und es war ihm höchst unangenehm, in seinen Forschungen gestört zu werden. Eines Tages nahte er sich ihr und redete sic an: „Gott segne dich, Tochter des Menelaus! dein Angesicht ist traurig, dein Auge von Thränen umflort. Wenn es dir in diesem einsamen Hause nicht gefällt, will ich nach einem andern dich bringen lassen." „Kümmere dich nicht, ehrwürdiger Mann! kümmere dich nicht um die Thränen eines kindischen Mädchens. Die Einsamkeit ist mir so neu, daß ich weinen muß. Es wird sich schon geben, habe nur Geduld mit mir, es wird sich schon geben, ich werde bald an die ländliche Einsamkeit und Einfachheit mich gewöhnen." „In Gottes freier Natur wohnt die reine Lust, in den Städten haust das Verderben," sagte Jose nachdrucksvoll. „Aus seinen Werken spricht Gott zu reinen Herzen. Lerne diese Stimme begreifen und glücklich sein. Der Mensch könnte so leicht glücklich sein, wenn er nicht beständig die Freudenquellen vergiftete." „O, ich bitte dich, ehrwürdiger Fürst, verkenne mich nicht!" flehte Jphigenia. „Es ist nicht der Glanz und die Zerstreuungen der Stadt, deren Verlust ich beweine; meinem alten Vater, der allein im Leben steht, gelten meine Thränen." „Dein Vater, Unglückliche," sagte Jose langsam und bedeutungsvoll, „dein Vater ist —" „Mein Vater und ich bin seine einzige Tochter," unterbrach Jphigenia ihn hastig. „Ich bitte dich, ehrwürdiger Fürst, rede nicht hart von meinem Vater." „Ich ehre diese schöne kindliche Liebe und werde nur dann die Fehler deines Vaters rügen, wenn's zu deinem Heile nothwendig ist. Ich muß, ich soll dich heilen, dich mit deiner Krankheit bekannt machen." „Ist es in Zeredah eine Krankheit, seinen Vater zu lieben?" fragte Jphigenia. " „Es ist eine schöne Tugend überall," sagte Jose. „Auch rede ich nicht von dieser Liebe, sondern von den lasterhaften Thaten, wozu dein Vater dich verleitet und wohin endlich jugendlicher Leichtsinn dich geführt." „Ich verstehe dich nicht, ehrwürdiger Fürst!" entgegnete sie. „Wohl gehorchte ich meinem Vater und ward Oberpriesterin der Venus; doch als ich von der Sündhaftigkeit jenes Standes belehrt war, warf ich ihn ab. Und hätte ich auch wie Saul alle Priester zu Nob erschlagen, hätte ich doch meine Sünden in den grausamen Händen Aspasia''s abgebüßt. Die Folgen meines Jrrthums waren folternde Reue und qualvolle Pein, Todesangst und unmenschliche Qual. Wo ist meine Sünde? Wohin hat Leichtsinn mich geführt?" „Ich weiß nicht," sagte Jose etwas verlegen. „Gott sieht ins Herz; ich kann nur Töne hören, nur Aeußeres schauen. Das Innere jener Tempel und das Betragen jener Priesterinnen ist mir nur vom Hören bekannt. Augenzeugen aber sagen mir, daß die Sünde selbst erröthet im Angesichte der Schandthaten, die in jenen Tempeln verübt werden. Man sagt mir, wie dort die menschliche Natur verthiert wird, die niedrigsten Leidenschaften herrschen, Vernunft und Zartgefühl verhöhnt werden, wie nur entwürdigte, ausgemergelte und abgestumpfte Halbmenschen aus jenen Hallen der Verruchtheit herausgehen. Ich kenne die Wunde deines Gewissens nicht, du mußt selbst sie kennen. Es gibt aber Sünden, die keine Reue heilt. Unglückliche! es gibt Schätze, die einmal verloren, nie wieder gefunden werden. Soll ich diese Schätze dir nennen?" „Schone, schone einer Unglücklichen, Schmerzgebeugten!" flehte Jphigenia. — „Schone eines verwundeten, blutenden Herzens! Quäle mich nicht mit einem Verdacht begangener Unthaten, gegen die sich mein ganzes Wesen empört. Doch was sprach ich da? habe ich mich nicht vertheidigen wollen? nicht meine Unschuld betheuern wollen? Nein, nein.

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