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Deborah · 1866-05-01 · Heft 9 (1.5.1866) · page 4

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 9 (1.5.1866)
Date
1866-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ich werde es nie wieder thun, so weit werde ich mich nie wieder vergessen." Dieser Stolz, so wie die Macht der Unschuld in Iphigenies Ton und Haltung überraschte den alten Meister. „So spricht die beleidigte Unschuld, es ist wahr," sagte Jose nach einer Pause; „doch griechische Künste geben dem geilsten Laster die Larve der Tugend und ich bin nur ein Mensch. In meinem engen Hause ist die Welt natürlich. So ist sie aber nicht. — Höre mich, Tochter des Menelaus, wenn du behauptest, gesund zu sein, kann ich dich nicht heilen." „Als gäbe es einen Arzt für die Krankheit meines Herzens," sagte Jphigenia bitter lächelnd. „Gibt es denn keine unheilbaren Krankheiten?" „Es gibt unheilbare Krankheiten, und dahin gehört das verstockte Herz, das sich selbst betrügt." „O, ich betrüge mich nicht," sagte Jphigenia, „ich gestehe mir meine Leiden so oft, daß sie den ganzen Tag mich quälen und Nachts mit schrecklichen Träumen mich geißeln. „Und darfst du sie auch mir gestehen?" „Ja, ehrwürdiger Fürst, denn es ist kein Laster, das meine Seele foltert. Verstoßene, verhöhnte Liebe ist die Quelle meiner Leiden. Wenn dein Herz nicht so trocken wie dein Haar grau ist, begreifst du meine namenlose Pein. O, frage nicht mehr nach der Krankheit meines Herzens, es ist unheilbar." „Liebe wohnt nicht im Herzen einer Vcnuspriesterin. Liebe ist Engelsgruß und du knietest vor der Göttin der Unkcuschheit. Tochter des Menelaus, die Stimme der Leidenschaft ist nicht Liebe und in jenen Tempeln herrscht die entartete Lust." „O großer Mann, zertrete ein schwaches Weib nicht mit deinem ungerechten Verdacht! Es ist deiner so unwürdig, Sünden, die mich schaudern machen, mir vorzuwcrfen. Kindlicher Gehorsam und kindischer Leichtsinn verleiteten mich einen Augenblick, meine Liebe, der Stolz eines keuschen Herzens und die Lehren meiner Mutter bewachten mich. Es ist das Vorrecht großer Männer, schwache Wesen zu verdächtigen; aber es ist das Vorrecht der Tugend, in ihrem Bewußtsein der Reinheit sich hoch über jeden Verdacht erhaben zu wissen. Guter Fürst, in deinem engen Hause hast du die Geheimnisse des weiblichen Herzens nicht erforscht." Die Verlegenheit des grauen Weisen war sichtbar. „Entweder du bist ein Engel, der sich nicht ganz dem Blicke des Sterblichen erschließen kann," sagte er zu Jphigenia, „oder der Satan selbst borgt seinen Verehrern eine undurchdringliche Maske. Ich will dich nicht kränken, ich soll dich bessern, fürs Leben und für die Tugend retten. Ich gehorche dem Befehle eines großen und edlen Menschen, der mir das Leben gerettet. Seine Boten sagten mir, daß du —" „Gnade! Gnade! Gnade!" schrie sie gewaltig, „verschone ein brechendes Herz!" Gleich aber war sie wieder ruhig, gefaßt und sprach: „Wer sprach, was ward von mir gesagt? Ich bitte dich, großer Mann! kümmere dich nicht um ein thörichtes Mädchen, das wie ein Kind greint." „Was man mir von dir gesagt, das hast du wohl schon begriffen, und du bist die Tochter eines Priesters," sagte Jose langsam und nachdrucksvoll. „Wer csmrrsagen licß, wünschest du zu wissen? Jonathan beu Matathia, der glaubwürdigste Zeuge unter der Sonne." Jphigenia bedeckte mit beiden Händen ihr Angesicht und weinte laut und bitter. Nach einer langen Pause fragte Jose: „Tochter des Menelaus, warum weinst du?" „Ich weine, auf dem Grabe meiner Hoffnungen weine ich, weil ich nicht mehr sprechen kann. Gott allein ist gerecht, die Menschen sind hart. Liebe ist eine Blume, die schnell verwelkt, Haß ist ein Stern. Ich begreife, jetzt begreife ich Alles. Jetzt verstehe ich das menschliche Herz und jetzt verzweifle ich. Jonathan verdammt Jphigenia? Ich verachte die Creatur, die sich Mensch nennt. — Fürst Israels! Ich bin ein gefallenes Weib, gefallen aus meinem Himmel, Alles ist verloren, Alles dahin, verachte mich, großer Mann, Jonathan hat mich verdammt, ich habe nichts mehr zu verlieren. Gott ist gerecht, ihm nur ist mein Bewußtsein, mein Schmerz, meine Leiden bekannt. Hoher Fürst, ich habe Alles verloren, laß mich weinen." Schmerz entschleiert die Seele. Jose las in Jphigenia's Herz. Mit weicher, mitleidsvoller Stimme sagte er: „Sei nicht zu voreilig, gutes Kind, es kann ein Jrrthum obwalten in deiner Sache. Stille deine Thräncn, Jonathan verdammt dich nicht, wenn du es nicht im vollsten Maße verdient hast." Er wollte noch mehr sagen, aber ein ungewöhnlicher Lärm im Orte unterbrach ihn. „Was bedeutet der Lärm?" fragte er einen Knaben, der athemlos herein - stürzte. „Ach Gott — die Boten vom Herrn — Juduh und Jonathan haben den Seron erschlagen, seine Armee vernichtet — das Volk jauchzt." „Sprich deutlich, hastiger Knabe, hat Judah den Seron geschlagen?" „Erschlagen," schrie der Knabe. Jose sank hin auf die Knie und erhob die Hände zum Himmel, dann eilte er hinaus zum jauchzenden Volke. Gcrsou, so hieß der Knabe, trat zu Jphigenia hin und bat sie mit einschmeichelnder Stimme: „Weine nicht, meine liebe Jphigenia, wenn Alle jauchzen, sei guten Muthes, ich will dir Alles geben, was ich habe." Die sanften und wohlklingenden Worte verfehlten ihren wohlthätigen Einfluß auf Jphigenia nicht. Sie zog den Knaben an sich und küßte ihn. „Dank dir, lieber, guter Gcrson, du bist die einzige Seele hier, die mit mir fühlt." „Fühlt? O, mehr als das," sagte Gcrson. „Ich habe nur eine einzige Leidenschaft und die erfüllt mich ganz, ich möchte dich glücklich und froh sehen. Was soll ich thun, dich recht glücklich zu machen?" „Liebe mich, Gcrson, wie du deine Schwester liebst und ich werde glücklich sein, so lauge du bei mir bist." „Ich habe zwar keine Schwester, aber ich liebe dich doch. Du kannst meine Schwester nicht sein, denn deine Eltern sind die mcinigen nicht, aber ich liebe dich doch. Ich wünsche nur, ich könnte dich recht glücklich machen." Gcrson wurde plötzlich unterbrochen, ein Mann mit zerfetzten Kleidern, verwirrten Haaren und einem Dolche in der Hand sprang wüthend hastig über die Gartenmauer und eilte dem Gebüsche zu; hinter ihm her stürzten wohl zwanzig Mann über die Mauer, entdeckten ihn, er wollte entspringen, erblickte Jphigenia und wie ein Rasender stürzte er sich auf das unglückliche Mädchen. „Stirb, vcrbuhlte Götzendiencrin!" schrie er, „stirb, Oberpriesterin der Venus, Tochter des verfluchten Menelaus!" Gerson hatte des Wüthenden Arm so fest umklammert, daß er den Dolchstoß nach Jphigenia's Herz nicht führen konnte. Jndeß nahten die Verfolger heran. „Was wollt ihr von mir, rasende Menschen," schrie der Verfolgte, „hier rächt die beleidigte Gott-

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