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Deborah · 1866-05-01 · Heft 9 (1.5.1866) · page 2

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 9 (1.5.1866)
Date
1866-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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96 — dem warmen, guten und liebevollen menschlichen Herzen seine Nahrung zieht, heißt „llioras ^.äonai^, ist unser erhabenes Ideal, das in der messtanischen Zeit verwirklicht sein wird." „Meine Kinder," lehrt er (Seite 4, e), „seid bescheiden und demüthig, nicht vor den Großen und Mächtigen der Erde — dazu bedarf es nicht meiner Ermahnung — sondern vor den Kleinen und Geringen, vor den Schwachen und Armen. Vergesset nicht, daß sie eben so wie Ihr in dem Ebenbilde Gottes geschaffen sind, und daß sie vielleicht hinter der ärmlichen Hülle ein großes Herz tragen, Vorzüge des Geistes und Tugenden besitzen, die sie eines besseren Loses und einer glücklicheren Lebensstellung würdig machen." „Meine Kinder," ermahnet er (Seite 46, a), „wisset, daß Streitsucht und Rechthaberei die Quelle großer moralischer Uebel sind, und zur Verletzung der wichtigsten Pflichten gegen Gott und Menschen führen können. Die Erfahrung lehrt, daß Streit und Zwiespalt unter uns gar oft der Anfang von Verleumdung, Angeberei, Rache und Oliilul liÄ-Ledein waren, und darauf spielt auch der weise König Salomo in seinen Sprüchen (Cap. 20, Vers 8) an; denn nichts Anderes will er dort anssagen, als daß, wer die Herzen und die Gemüther durch Streit und Zwist theilt uud trennt, begeht in den Augen Gottes die größte Sünde, da Menschenfreundlichkeit und Menschenliebe oder das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" der Inbegriff der ganzen Thora ist." „Meine Kinder," ruft er wörtlich aus (Seite 49, a), „mit besonderem Nachdrucke lege ich es Euch ans Herz, Wohlthätigkcit zu üben; denn Wohlthätigkcit ist nach unserem Lehrer Maimonidcs die heiligste Pflicht für die Bekenner des Judeuthums." Das waren die religiösen Ucberzeugungen des Rabbi Meschullam Salman Kohn; diesen Geist der Wahrheit, der Demuth, der Friedfertigkeit, der Barmherzigkeit und der edelsten Menschenliebe athmete das Judcnthum, das er lehrte, diese milden und humanen Grundsätze schärfte er in seinem siebenzigsten Jahre seinen Kindern und Enkeln ein, sie bilden den Mittelpunkt seines Testamentes, sind das Erbe, das er seinen Nachkommen hinlcrlaffen. Seine Tochter, die früher genannte Therese Brandeis, geborne Kohn, wurde von demselben Prediger in folgender Weise geschildert: Von frühester Kindheit an lebte sie in einer milden und menschenfreundlichen Atmosphäre, unter den warmen Strahlen des reinen, ungetrübten Judenthums erschloß sich ihr zartes, weibliches Herz; und erwägen wir, daß das Bild ihres frommen Vaters ihr während ihres ganzen Lebens vorschwebte, daß sie seinen Geist stets in ihrer Nähe fühlte, und daß jedes seiner Worte ihr heilig und unverbrüchlich war, so werden wir ihr ganzes Wesen, ihr Walten und Wirken als Mutter und als Israelitin, ihre Empfänglichkeit für alles wahrhaft Gute und Schöne begreifen. Daß sie cs verstanden hatte, ihre Kinder zu Israeliten zu erziehen, welche durch Herzcnsfrömmigkeit, friedlichen und freundlichen Sinn, Freigebigkeit und Wohlthätigkeit sich auSzcichnen, ist in unserer Gemeinde allenthalben bekannt. Ist es doch, als klänge denselben in den Ohren, so oft ihr wohlthätiger Sinn in Anspruch genommen wird, die Mahnung des Großvaters: „Mit besonderem Nachdrucke lege ich cs Euch, meine Kinder, ans Herz, Wohlthätigkcit zu üben; denn Wohlthätigkcit ist die heiligste Pflicht für die Bekenner des Judenthums," und als bewegte dieses Wort des großväterlichen Testamentes ihre Herzen und ihre Hände! Daß die Hingeschiedene ferner die Gebote, Sitten und Bräuche ihres im wahren Sinne des Wortes väterlichen Glaubens mit der gewissenhaftesten Strenge beobachtete, brauche ich auch nicht durch Beispiele zu beweisen. Was ich aber von dieser frommen Tochter eines alten Rabbiners besonders hervorheben möchte, ist ihre rege Empfänglichkeit für alle Elemente der echten Bildung und ihr feiner gesellschaftlicher Tact. Sie nahm lebhaftes Interesse an den Bewegungen der Zeit, besonders, wenn sie auf die Geschicke ihres Volkes cinwirkten, und noch im hohen Alter las sie Schriften, welche dem Gebiete der allgemeinen Bildung angehören, betheiligte sie sich an Gesprächen, welche den Sieg der fortschreitenden Cultur zum Gegenstände hatten, bewegte sie sich mit gewandtem Geiste, voll Liebreiz und Anmuth in der Gesellschaft, und bewährte den feinsten Tact im Umgänge. Wenn ich den Tact der Hingeschiedenen rühme, so meine ich nicht etwa jene leeren Formen und Formeln, jene ein- und angelernten Redensarten, oder jene mechanischen Bewegungen, bei denen man nichts denkt und nichts fühlt, und die den Katechismus gewisser vornehmer Kreise bilden; o nein! Lassen wir diesen Tact dort, wohin er gehört, im Geräusch des Lebens nämlich, mit seinem ganzen kalten und kleinlichen Formelwesen, und preisen wir ihn nicht hier, an diesem Orte, wo das Leben und mit ihm die seelenlose Convenicnz ihre Grenzen findet. Der Tact, welchen ich vor einem Sarge und an der frommen Frau rühme, die in ihm ruht, ist etwas Besseres und Höheres, ist der klare, durchsichtige Ausdruck einer reinen Seele, eines edlen Herzens, eines warmen, wohlwollenden Gemüthes, offenbart sich durch Schweigen, wo man eben nichts zu sagen hat, durch Bewegungen inniger Theilnahme, durch Worte aufrichtiger Anerkennung und durch Beobachtung des humanen Grundsatzes, selbst dem Geringsten nicht das geringste Verdienst streitig zu machen, mit Jedermann so zu reden, ihn so zu behandeln und ihm so zu begegnen, daß er sich gleichsam von einer milden, frischen und wohlthuenden Luft angeweht fühlt. Dies Alles ist nur ein Theil des schönen Lebensgemäldcs, das ich hier vor einem so zahlreichen Geleite aufrolle, und ich sollte an diesem Sarge in den Ruf der Klage ausbrcchen? Lassen Sie mich daher in dem erzählenden und schildernden Tone fortfahrcu. Gott, den die Hingeschiedene in ihren letzten Lebcnsstunden als den treuen Hort verherrlichte, der kein Unrecht thut, hat sic besonders ausgezeichnet und ihr seine Huld in reichem Maße bewiesen. Nachdem der Gatte von ihr geschieden war, dessen Leben sic durch ihre großen Tugenden, köstlichen Gaben, Liebe und Zärtlichkeit verschönert hatte, schwanden ihr die Jahre dahin im Kreise ihrer Kinder, Enkel und Urenkel. Sie sah ihre Söhne hochgeachtet in der Gesellschaft, ausgezeichnet in unserer Gemeinde, gesegnet von Gott mit trefflichen Gattinnen, mit Kindern und Enkeln und mit irdischen Gütern; täglich und stündlich erhielt sie Beweise kindlicher Ehrfurcht und musterhafter Pietät; ihre ganze Umgebung, ihre Söhne, Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen wetteiferten mit einander, um sie zu erfreuen und ihr jede Stunde zu versüßen; wenn sie in den Kreis der Ihrigen trat, war cs, als erschiene ein höheres Wesen, zu welchem man mit heiliger Scheu cmporblickt. Trotz ihres hohen Alters war ihre äußere Erscheinung rührig, munter, lieblich und anmuthig, ohne die Schattenseiten des Alters, blieb ihr Geist rege, frisch und empfänglich für die Gebilde des Lebens, klang ihre Stimme hell und herzlich, nahm sie den wärmsten Antheil an den geringfügigsten Begebenheiten in ihrer Familie, bewegte sie sich mit Sicherheit und Gewandtheit in der Gesellschaft. So ist ihr Leben, ein Leben von vierundachtzig Jahren, dahingcflossen, reich gesegnet durch ihre Abstammung, reich gesegnet durch ihre Erziehung und reich gesegnet durch ihre Nachkommen. Die Vergangenheit zeigte ihr die edle, hochaufstrebcnde Gestalt ihres verklärten Vaters, dessen milde und humane Frömmigkeit ihr wie ein freundlicher Stern stets voranleuchtete, die Gegenwart bot ihr den Anblick dreier Familien, deren Häupter sie unter ihrem Herzen getragen, nach den Lehren des Vaters großgczogen, und denen sie einen friedlichen, freundlichen und frommen Sinn eingeflößt hatte, die Zukunft überließ sie vertrauensvoll, in Gemüthsruhe und Seclenheiterkeit, dem Gotte ihres Vaters — und an diesem Sarge sollten wir Klagen anstimmen? Und wie huldreich erwies sich ihr Gott bei ihrem Scheiden von der Erde! Nur wenige Tage lag sic auf dem Sterbebette, ihr Bewußtsein war klar und unumwölkt, ihren Kindern und Enkeln ertheiltc sic ihren Segen, ihren letzten Segen,

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