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Deborah · 1866-04-01 · Heft 7 (1.4.1866) · page 3

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 7 (1.4.1866)
Date
1866-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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— 73 — einerseits der Ehre und des Vertrauens der neuen Gemeinde würdig zu zeigen, andererseits um das vorgesteckte, wohl noch sehr von fern winkende Ziel, zu dem es ihn seiner Natur nach hindrängte, zu erreichen. Denn was er da vorfand, war ein brachliegendes Feld, und er mußte rüstig zuschreiten, um es zu bebauen; und was er anstrebte, war nichts weniger als eine vollständige Regelung des jüdischen Gottesdienstes, welcher auf ganz neuer Grundlage geschaffen werden sollte. Mit dem Sing-Sang, der sich bisher in aller Ruhe und ungestörter Behaglichkeit breit gemacht hatte, war nicht weiter zu kommen, der Schlendrian mußte gebrochen werden, ein ästhetisch-erhebender Cultus mußte an seine Stelle treten. Dabei aber sollte andererseits an dem eigentlich religiösen Inhalt des Cultus nicht gerüttelt und nichts wesentlich geändert werden, die alten Traditionen durften, in so weit sie mit dem Wesen des Gottesdienstes Zusammenhängen, nicht über Bord geworfen, nur ihre Form durfte modificirt, der Inhalt aber sollte beibehalten werden. Das war in Wahrheit keine kleine Aufgabe. Doch, „Zeit bringt Rosen" und „Gut Ding will Weile haben." Sulzer componirte vorläufig für den Tempel die notwendigsten Choräle, dabei aber arbeitete er noch immer emsig an seiner eigenen Ausbildung; er nahm bei dem Componisten Ritter von Seyfried Unterricht in der Compositionslehre und füllte allmälig manche Lücke seiner musikalischen Bildung aus. Seine eigenen Compositionen reichten aber für den Bedarf des in der Synagoge im Laufe des Jahres Nothwendigen nicht aus, und da er nicht im Stande war, die ganze Masse von nöthigen Chorälen im ersten Jahre zu bewältigen, so ließ er sich von einigen andern Componisten unterstützen, welche ihm denn auch einen Theil der Arbeit abnahmen. Bei Abfassung dieser Choräle war sein Streben auf Versöhnung der damals einander schroff gegenüberstehenden Parteien, der Orthodoxen und Reformer, gerichtet. Um dies zu verstehen, müssen diese Choräle sowohl nach ihrer textlichen Unterlage als auch nach ihrer musikalischen Seite betrachtet werden. Auf seinen Reisen in Deutschland hatte Sulzer nämlich die weitgehendsten reformatorischen Tendenzen, welche bei Regelung des jüdischen Gottesdienstes die hebräische Sprache abschafften, um die deutsche an deren Stelle zu setzen, aus eigener Anschauung kennen gelernt. Mit einer so weitgehenden Aenderung fühlte sich Sulzer innerlichst durchaus nicht einverstanden. Die hebräische Sprache als textliche Grundlage festzuhalten, war für ihn Princip, Herzenssache, abgesehen davon, daß man in der Wiener Gemeinde an ein Fallenlassen der hebräischen Sprache gar nicht dachte; andererseits aber erkannte er mit klarem Blick, wie viele Bekenner des Judenthums, welche demselben innerlich noch ganz ergeben waren, sich nur durch die abstoßende Außenseite, durch die Willkürlichkeit der Formen, wie sie sich in dem chasonischen Gesänge ausgeprägt hatten, verletzt fühlten, und wie es nur einer Aufhebung dieser Formen, eines Abstreifens dieses veralteten Gewandes bedurfte, um sie wieder in das Gotteshaus zu bringen. Er machte sich also zum Vermittler und suchte beiden Parteien gerecht zu werden. Die Wirkungen des Sängers, wie alle jene, die nur persönlich sind, erlöschen mit dem Individuum; nur in der Erinnerung der Zeitgenossen und in den Bestrebungen der Schüler schlummern sie wie unter einem Schleier fort. Sulzer hat dafür gesorgt, daß sein Name nicht zugleich . mit seiner Dtimme verklingen wird. Als Schöpfer und Verbreiter eines geregelten Synagogengcsanges hat er sich ein bleibendes Verdienst geschaffen und zwar durch Herausgabe seines „Schir-Zion". Anerkannt wird Sulzer's Verdienst von Freund und Feind. Sachkundige bezeugen, daß er der musikalischen Liturgie seines Volkes Ordnung, Würde und ästhetische Form gegeben, daß er sie aus einem wüsten Zustande der Willkür und Verwahrlosung gerissen. Es sei Sulzer's Einfluß, wenn Gemeinden, in welchen man ehemals Psalmen auf profane Opern- und Liedermelodien vortragen und den Cantor das häßlichste Schnörkelwerk improvisiren hörte, sich gegenwärtig in musikalisch würdigen, wohlgeregelten Formen bewegen. Für die rein musikalische Seite dieser Reform haben wir einen entscheidenden Anhaltspunkt an dem vorerwähnten „Schir Zion". Bon diesem Werke ist vor Kurzem der zweite Theil erschienen, welcher wohl den ersten nicht so sehr zu ergänzen als zu ersetzen beabsichtiget. Er ist dem „ersten Theil", welcher sich sehr überwiegend im deutschen Musikstyl, theils Haydn-Mozartisch, theils noch viel moderner bewegt, unvergleichlich überlegen. (Der erste Theil enthielt unter Anderem viele Compositionen von Seyfried, Schubert, Fischhof, Würfel, Drexler und Volkert.) Die Gesänge der neuen Sammlung klingen nicht nur kräftiger, origineller und kirchlicher, sie tragen auch — worauf ein großes Gewicht zu legen — ungleich mehr das Gepräge jüdisch-orientalischer Musik. — „Schir-Zion" ist nicht etwa eine Compilation oder Bearbeitung älterer Gesänge, sondern durchaus eigene, freie Composition Sulzer's. Nur in einigen wenigen Chören, so wie in vielen der recitativartigen Einzclgesänge des Cantors hat der Componift ältere, im jüdischen Gottesdienst zu besonderer Bedeutung gelangte Melodien zu Grunde gelegt. An Anerkennung hat es Sulzer nie gefehlt. Liszt erzählt in seinem Buche: „Vs Lolismieus et äe!enr musi- <zne", er habe bei Sulzer's Tempelgesang zum ersten und einzigen Mal den Eindruck von einer wirklich nationaljüdischen Kunst empfangen, während alle andern selbst trefflichen Leistungen jüdischer Tondichter, Poeten und Maler doch nur ein Nachbilden und Wiederholen christlich-abendländischer Kunst seien. Auch Seyfried, der ehemalige Mentor Sulzer's, unterzeichnet sich aus einem Briefe, in welchem er sich voll des Lobes über den „Schir-Zion" ausspricht, nicht nur als Mentor, sondern auch als College. Nicht zu vergessen ferner sind die Worte Lenau's über Sulzer als der Ausdruck nicht eines Fachmanns, sondern eines großen Menschen überhaupt, und noch dazu eines, der mit dem Worte nicht allzu verschwenderisch war. Männer in den verschiedensten Lebensstellungen ließen ihm Beweise ihrer Würdigung feines aufopfernden Strebens und Wirkens zu Theil werden. Der berühmte Bischof Ladislaus Pyrker, der Dichter der „Tunisias" und „Rudolfias"; der zu jener Zeit das ganze Oesterreich in Banden haltende Staatskanzler Fürst Metternich zeichneten den jüdischen Cantor in hoher Weise aus. Vom Kaiser Ferdinand erhielt Snlzer als Beweis der Anerkennung seiner Verdienste einen prachtvollen Brillantring, vom Kaiser Franz Joseph bekam er die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft; mit derselben wurde er auch vom Kaiser Nikolaus beehrt, und der Sultan ertheilte ihm den Medschidje- Orden. Der Ehrendiplome nicht zu gedenken, die dem geachteten Säuger von verschiedenen andern Seiten, Vereinen u. s. w. zuerkannt wurd-n. Daß er mit seinen engsten Fachgenossen, mit Sängern wie Staudigl, Lablache, auf freundschaftlichem Fuß stand, ist leicht erklärlich; interessant ist, daß auch Robert Schumann, von dem es bekannt ist, wie wenig er sonst im Allgemeinen der Mode huldigte, dem Wiener Cantor seine Anerkennung zollte. Wer Sulzer jemals singen gehört, wird eine solch allgemeine Anerkennung mehr als begreiflich finden. Sulzer besaß eine der wohllautendsten Stimmen, die man je gehört hat; dabei einen ergreifenden Vortrag voll der tiefsten Innigkeit, und selbst heute, in seinem 62. Lebensjahre, da seine Stimmmittel an Kraft, der Natur den Tribut zollend, nicht das zu leisten vermögen, was sie einst vermocht, fehlt seiner Vortragsweise doch noch nichts von jener Weihe und begeisterungsvollen Andacht, womit er in früheren Jahren seine Zuhörer entzückte. Sulzer's Verdienste beschränken sich aber nicht nur auf das Gotteshaus. Freilich traten sie in diesem am allermeisten hervor, denn seine Gesänge am Tage der Zerstörung Jerusalems („Tischebeow") z. B. sind äußerst zweckentsprechend und zeigen so recht, daß er hier wahrhaft

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