Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1866)
- Date
- 1866-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 72 — Vortrages entzückt hat, er wirkt noch in ungebrochener Rüstigkeit, weder seiner Stimme noch seines Jugendfeuers verlustig. Salomon Sulzer wurde am 30. März 1804 zu Hohenems in Vorarlberg geboren. Er stammt aus einer uralten, sehr achtbaren Familie, welche aus Sulz nach Hohenems übersiedclte, als die Juden aus Sulz vertrieben wurden. Der Urgroßvater Sulzer's, Josel mit Namen, war derjenige, der die Juden bei der damaligen Vertreibung („Geresch") aus Sulz nach Hohenems geführt hat. Sein Familienname war eigentlich Lcwy, so hieß die Familie noch im Jahre 1809. Zum Andenken an den Ort Sulz, aus dem sie hierher gekommen war, nahm die Familie den neuen Namen an, welche sie für den Namen „Lewy" eintauschte. Der Vater Sulzer's hieß also schon Joseph Sulzer. Der merkwürdigste Mann in der Familie scheint aber der Großvater von mütterlicher Seite gewesen zu sein; jedesfalls wurde er in seiner letzten Lebcnsstunde entscheidend für den Knaben Salomon. Er hieß Mendelssohn, war ein frommer Mann, ein sogenannter „Zadik", mit langem weißem Haar und Bart. Dieser starb 1807. Er lag auf dem Sterbebette und mochte den Wunsch gehabt haben, vor dem Tode sein dreijähriges Enkelchcn noch einmal zu sehen. Salomon wurde von seiner Mutter an das Sterbebett des Greises geführt, und wie verklärt, mit einer Art prophetischer Weihe und Begeisterung, sagte der Greis: „Ich bin versichert („muwtoch"), daß aus dem Kind ein großer Mann werden wird!" Diese tröstliche Voraussagung war die letzte Liebesgabe, welche der scheidende Vater der trauernden Tochter zurückgelassen. Sie versenkte diese Verheißung tief in ihre Brust und glaubte daran; ihr Gcmüth klammerte sich an dieselbe, wie wenig sie es auch äußerlich zeigen mochte. Was kann einer Mutter auch Freudenvolleres verkündigt werden, als eine bedeutende Zukunft ihres Kindes! Aber gleichsam als sollte der Ausspruch des sterbenden Greises durch ein Wunder bekräftigt werden, als sollte die Natur selbst auch ihren Mund aufthun und die Worte des Großvaters wiederholend sanctioniren, trat einige Zeit hierauf ein Ereigniß ein, welches über die Zukunft des Knaben entschied. Im Jahre 1811 (Salomon hatte inzwischen bereits zu lernen begonnen und war damals sieben Jahre alt) fand in Hohenems eine außerordentliche Anschwellung des Baches statt, und der Knabe, der sich unvorsichtiger Weise etwas weiter gewagt hatte, als räthlich war, fiel hinein und wurde im Nu von der treibenden Flut fortgerissen. Er war verloren! Die Leute standen am Ufer und sahen das entsetzliche Unglück, aber jeder Versuch, ihn zu retten, schien undenkbar. Er war verloren, wenn nicht etwas Außergewöhnliches — sprechen wir in der Sprache derer, die es sagten — wenn nicht ein Wunder cintrat. Und siehe da, es trat ein; der Knabe wurde an eine Stelle getrieben, die außer der Hauptströmung lag, und es gelang den Anstrengungen der Herbeicilcnden, ihn hcrauszuzichen; er war gerettet. Dieses Ereigniß machte auf die Mutter des Kindes einen tiefen Eindruck. Unglücks, von dem sie wie durch ein Wunder erlöst worden, indem sie sich die Gefahr, in der das Kind geschwebt, und aus der keine Rettung möglich schien, vergegenwärtigte. Jetzt stieg ihr die Verheißung ihres sterbenden Vaters lebendiger als jemals vor die Seele, und eingedenk seines Ausspruchs weihte sic, wie einst Hanna, den Knaben dem Dienste des Herrn. War der frommen Frau auch nicht recht klar, wie sie dieses Gelübde in Erfüllung bringen werde, genug, cs lebte in ihr und stand geschrieben in ihrem Gemüthe mit unauslöschlichen Zügen. Um der künftigen Bestimmung des Knaben auch durch ein Symbol, ein sinnliches Zeichen, nach außenhin Ausdruck zu geben, machte sie ihm ein weißes Gewand, und so kleidete sie ihn ganz weiß bis zu seinem dreizehnten Jahre. Nach dem bekannten Ausspruche: „Schon im Spiele gibt sich der Knabe (hinsichtlich seines künftigen Berufs) zu erkennen," sah man den Knaben Sulzer sich, im Spiele mit seinen altersgleichen Genossen, in der Rolle eines Vorbeterß gefallen und ein hinzugekommenes Moment entschied über die künftige Aufgabe und die Bestimmung seines Lebens. Der Cantorposten in Hohenems ward im Jahre 1817 erledigt, und der dreizehnjährige Salomon trat als Candidat für dieses Amt auf und zwar auf Veranlassung seiner Mutter, die wie einst die Mutter Samuels ihren Sohn dem Dienste Gottes geweiht hatte, und mochte sie glauben, mit diesem Schritte jene Verheißung zur Wahrheit zu machen, welche ihr Vater auf dem Todtenbette so zuversichtlich und warm ausgesprochen hatte. Der Widerstand der Gemeinde gegen die Anstellung eines den Kinderschuhen kaum entwachsenen Knaben, welcher nur durch die Entscheidung des hochseligen Kaisers Franzi, behoben werden konnte, legte Sulzer die Verpflichtung auf, sich noch einige Zeit durch Vervollkommnung in seinem Fache für die einzunehmende Stellung zu befähigen. Er ging nach der Schweiz, wo er bei dem berühmtesten Cantor seiner Zeit, Herrn Lippmann, Unterricht nahm und nach einem einjährigen Aufenthalte 1818 mit seinem Lehrer eine Reise nach Frankreich unternahm, wo er in der Eigenschaft eines sogenannten „Meschorer" an den Erfolgen seines Meisters theilnahm. Nach der Rückkehr aus Frankreich ging der junge Sänger in seine Heimat; nicht als ob er seine Wandcrjah're als vollendet betrachtet hätte, im Gegenthcil, er wurde der Lücken und Mängel seiner musikalischen Bildung erst recht inne; nach kurzem Aufenthalt im elterlichen Hause ging er wieder fort, und diesmal nach Carlsruhe, wo er sich ein volles Jahr strengen Musikstudien hingab. Nach Verlauf desselben konnte er sich sagen, daß er die ihm gewährte dreijährige Frist redlich benutzt habe, und mit ruhigem Gewissen durfte er nun das Cantoramt in Hohenems antrcten. Dies geschah 1820. Aus dem Knaben war ein ernstlich strebender Kunstjüngcr geworden, der es nicht verabsäumt hatte, sich die nöthige Befähigung für sein Fach anzueignen, und so hatte nun kein Mensch mehr gegen seine Jugend etwas einzuwenden. Der Erfolg lehrte, daß man ihm das Cantorat trotz derselben ruhig anvcrtrauen konnte, denn er verwaltete dasselbe mehr als fünf Jahre lang zur größten Zufriedenheit der Gemeinde. Ja mehr als dies. Sulzer erwarb sich durch seine Vortragsweise sowohl wie auch durch manche neue Einrichtung in der Synagoge nicht nur die Zufriedenheit, sondern die Liebe seiner Zuhörer. Man besuchte deu Tempel gern, dieser war in der Regel gefüllt, und es entzog sich Niemand dem Gottesdienst. Der junge Mann war aber auch äußerst thätig und legte eine mehr als gewöhnliche Wärme für seinen Beruf an den Tag. Eifrig strebte er dahin, einen Chor zu organisiren, was ihm auch in kurzer Zeit gelang. Bei dem Geburtsfest des Kaisers war der Chor bereits so eingcschult, daß er ihn öffentlich produciren konnte, ja er verwandte sogar, was in jüdischen Tempeln noch heutzutage äußerst selten vorzukommen Pflegt, ein kleines Orchester von Streichinstrumenten. Sulzer faßte seinen Beruf nicht von lucrativer Seite auf. Als Sohn wohlhabender Eltern war cs mehr Begeisterung für seine Kunst, als es sonstige Vortheile waren, die ihn seine Stellung wählen ließen, da ihm diese mehr kostete, als sie ihm eintrug, nachdem er nur 83 fl. 20 kr. C. M. Gehalt bezog, dem Bassisten aber aus eigener Tasche 110 fl. zahlte und den Sopranistcn in Verpflegung nahm. Der Ruf von seinen Leistungen verbreitete sich. Es mußte dem so sein, denn ohne daß er sich irgendwie beworben hatte, erhielt er gegen Ende des Jahres 1825 eine Einladung nach Wien und wurde im Alter von einundzwanzig Jahren Cantor der Wiener Israeliten-Gemeinde. Hiermit waren die kühnsten Hoffnungen des Sohnes und die seligsten Träume der Mutter erfüllt. Man muß aber nicht meinen, daß der junge Mann jetzt Zeit hatte, auf seinen Lorbcrn auszuruhen; im Gcgentheil, für ihn galt cs jetzt erst rüstig zu schaffen und zu wirken und die volle Arbeitskraft, die in ihm ruhte, aufzubieten, um sich