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Deborah · 1866-03-15 · Heft 6 (15.3.1866) · page 7

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 6 (15.3.1866)
Date
1866-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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— 65 — den Studenten, der diese Waffe gar oft nur wegen eines zweideutigen Wortes zückt, auf Wochen seinem Zwecke, dem Studium zu entziehen. Salamons Stirn runzelte sich, als sein Blick auf diese Waffen siel. Wie, dachte er, ist das die praktische Ausführung jenes Wortes, das ich da auf fast jedem dieser Schilder prangen sehe, der Freiheit. Die That und der Muth bleibe jenen Zeiten aufbewahrt, wo es gilt, daß der Sohn der Wissenschaft und der Intelligenz für die Freiheit auftrete, nicht aber unter College« hat er sich zu zeigen, der vernichtende Muth der Jugend, und hauptsächlich nicht im Duelle, dieser lächerlichen Waffe, die verrostet in der Rumpelkammer des Mittelalters lag, und jetzt von deutschen Jünglingen ihres Rostes entkleidet wird, um auf den Fechtböden der Burschenschaften ein kümmerliches Dasein zu fristen. Wohl mag in jenen Verbindungen der deutschen Universitäten, die zumeist aus junkerlichen Elementen zusammengesetzt sind — den Landmannschaften — diese Sitte gepflegt werden, die wir dem edlen Ritterthume verdanken; in den Burschenschaften aber, die von ihren Wiederbelebern, besser gesagt Gründern, nach den sogenannten deutschen Befreiungskriegen zur Belebung freiheitlichen Sinnes gegründet wurden, da sollte eben jedes aristokratische Element ausgeschlossen sein. In diesen Reflexionen wird Salamon durch die Stimme des Präses unterbrochen, der einen lärmenden Fuchs zur Ruhe ruft. Derselbe war aus England an die berühmte medicinische Facultät der Hauptstadt gekommen und hatte sich, angezogen von der Neuheit des burschenschaftlichen, ihm ganz fremden Elementes in diese Verbindung aufnehmen lassen. Er wußte kein Wort deutsch und besuchte meist die Vorlesungen jener Docenten, die Ausländern für gutes Geld in ihrer Sprache Collegia lesen. Heute war der edle Sohn Albions etwas berauscht, und in der Begeisterung gerade im Begriffe, einem zu wenig flinken Kellner die Elemente des nationalen Boxkampfes praktisch beizubringen, was bei dem Gebrüll, mit dem er seine Stöße accompagnirte, eben nicht zur Erhöhung der Ordnung geeignet war. Da aber der Zuruf des Präses nichts fruchtet, so wird der „bekeilte Fuchs", von zwei Burschen gestützt, aus dem Locale entfernt. Da der Rundgcsang ohnehin unterbrochen ist und in seiner Länge ermüdend zu wirken Pflegt, so läßt ihn der Präses nicht wieder aufnehmen, sondern gibt nach alter Sitte das Wort dem werthen Gaste Salamon, auf daß er nach alter Sitte deutschen Spruch und deutschen Trunk thue. Salamon erhebt sich. Edle Begeisterung blitzt aus seinen Augen, als er beginnt: „Brüder! Ich bin der Mann fertiger Rede nicht. Um so mehr muß ich heute eure freundliche Nachsicht beanspruchen, wo es mir zum ersten Male gegönnt ist, öffentlich das Wort zu ergreifen. Nur Weniges will ich bemerken. Seid jener edlen Tendenzen eingedenk, die die Jünglinge begeisterten, welche die Burschenschaften gegründet. Das war.damals eine bittere Zeit nach 1815. Die Völker, welche einer freien Zukunft Deutschlands entgegenhöffend in den Kampf zogen für des Vaterlandes Ehre, hatten die Tyrannei Napoleons in den Sand gestreckt. Aus den glänzenden Versprechungen wurde nichts, und kein einziger Brosamen fiel ab für das arme deutsche Volk, das geduldet hatte in vielen Schlachten, von dem grünen Tische des Wiener Congresses. Wohl war auf diesem Tische ein reiches Mahl aufgestellt; an dem Mahle saßen die Führer, und das Volk, das ihnen gefolgt, saß enttäuscht an leeren Tafeln. Da aber traten freiheitsdurchglühte Jünglinge zusammen und gründeten Vereine, daselbst die Freiheit erst gegenseitig im Gemüthe gepflegt werden sollte, um zur Zeit an ihren Jüngern wackere Vertreter in Wort und That zu finden. Collegen! seid dieses Zweckes eingedenk. Mich hat am Büchertische nimmermehr jene Begeisterung für die Freiheit verlassen, die hauptsächlich das Gemüth des Studenten erfüllen soll. Möge sie auch euch weder beim Studium noch im heitern Kreise der Kneipe verlassen. Laßt eure Zusammenkünfte den Zweck haben, euch zu belehren über das, was Deutschland Noth thut. Jetzt könnt ihr nicht handelnd auftreten. Aber einst mögt ihr in den Kreisen, darin ihr wirkt, dasjenige nach Möglichkeit zur That werden lassen, was ihr hier vorbereitet, und was hier blüht, wird so einst zur edlen Frucht gedeihen. So fasse ich den Zweck der Burschenschaft auf. Die Erfahrungen, die ihr in den verschiedenen Elementen eures Studiums sammelt, sollt ihr hier gegenseitig anwenden zum Frommen der Freiheit. Dazu ist es aber nöthig, daß alle Studenten Ein Geist und Ein Herz seien, nicht aber in eine Menge von Verbindungen sich auflösen, die einander feindlich gegenüberstehen und schon so frühe das warme Herz des Jünglings dem Collegen, gegen den er privatim nichts hat, verschließen. Möge denn also das Duell verschwinden und es nur eine einzige große Burschenschaft geben, eine Burschenschaft aller deutschen Studenten. Darauf leere ich mein Glas." Nur ein Th eil der Versammlung erhob sich, um anzustoßen an das Glas des edlen Jünglings. Biele blieben schweigend sitzen. Es waren die Letzter» zumeist Studenten, die sehr wenig in Vorlesungen, aber viel auf dem Fechtboden gesehen wurden; einige wenig geziert von Schlägernarben im Antlitz. Bald verließ darum Salamon von seinem Freunde geleitet das Kneiplocal. Warm drückte Häusler Salamons Hand. „Ich habe dich verstanden, du Guter, die Burschenschaft in ihrer jetzigen Form erfüllt gewiß nicht ihre ursprünglichen Zwecke. Deine Worte haben mich sehr bewegt. Ich will austreten, um ganz dir und der Wissenschaft anzugehören." Die Freunde hüllten sich fester in ihre Röcke, denn es wehte frostig der Wind durch die Straßen. In ihrem Herzen aber sah es hell und warm aus. An der Wohnung Salamons angekommen, umarmten sie sich noch einmal. Ein heißer Kuß vereinte ihre Lippen. „Fürs Leben," flüsterte Häusler. „Fürs Leben," antwortete Salamon. Bald gewann die natürliche Heiterkeit wieder die Oberhand in der Seele Häuslers. „Gute Nacht, Freund! sei guten Muthes, dir winkt nun eine herrliche Zukunft. Meine Ahnungen sind froher Natur, und die pflegen mich nicht zu täuschen. Gute Nacht auch du, trauliche Hütte, Arche Noah's! sei stolz, du beherbergst jetzt Salamon und sein Glück. Hab Acht, daß du vor Freude heute nicht zusammenstürzest!" — „Gute Nacht, gute Nacht, du treuer lieber Freund," ruft Salamon dem Davoneilenden nach. Das Hausthor schließt sich. Daß doch unserem Helden das Aechzen der rostigen Thorangeln gar so lustig dünkt. Er wirft sich auf sein Bett. Heitere Träume versetzen den Jüngling an einen süßen, wohlbekannten Ort. Gott Morpheus beugt sich lächelnd über einen Glücklichen. Drittes Kapitel. Freudige Hoffnungen. Heute, lieber Leser, mußt Du mich an einen Ort begleiten, den Du sonst gewiß nicht gern betrittst. Ich führe Dich in den Secirsal. Schaudere nicht! Es sieht dort an dem Ort, ul)i rnors Aauäst snoenrrers vitae, wie die schöne Aufschrift des Pariser Secirsaales lautet, nicht so schrecklich aus, als der Laie sich gewöhnlich vorstellt. Bor Allem verliert der Tod den größten Theil seiner geheimnißvollen düstern Wirkung dort, wo er seinen ewigen Stempel Unbekannten aufdrückt. Und dann, neben der Stelle des Todes welche heitere frischbewegte Thätigkcit. Pfeifend und singend, versteht sich xianissirno, um die Arbeit des Nachbars nicht zu stören, führt der Student sein Secirmesser, bewußt seiner schönen Aufgabe, aus dem Tode Nutzen zu ziehen für die Lebendigen. Manch heitere Scene spielt sich ab an der Stelle, wo der Nichtmediciner ein Höllenbreughel'sches Gemälde sich denkt. Dort disputiren mehrere Mediciner über das Besitzrecht einer untern Extremität, d. h. eines Fußes. Jeder behauptet, es wäre der Seine, und wer weiß, wie dieser Streit bei dem heißen Blut der jungen Leute endigen würde, fände nicht einer endlich in der ausgeschnittenen Fußsohle eine Visitkarte, die hinlänglich manifestirt, daß der Fuß keinem der Studenten gehöre, sondern einem nicht anwesenden Collegen, der wohlweislich diese Vorsicht gebraucht. Derartige heitere Abwechslungen gibt's mehrere. Besonders lebhaft wird's um

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