Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 6 (15.3.1866)
- Date
- 1866-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — „seinem Schädel, und auch er stürzte entseelt nieder. Nun „ging der scheußliche Doppelmörder daran, seine unglücklichen Opfer auszuplündern, wurde jedoch darin durch meine „Dazwischenkunst gestört. „Als der Elende mit seiner Erzählung zu Ende war „und sein Flehen um Erbarmen wiederholte — wobei nicht „zu verkennen war, daß er nur bedauere, ertappt worden zu „sein — sagte ich zu ihm: „Du flehst mein Erbarmen an, „und es soll dir gewissermaßen auch zu Theil werden. Du „bist nun einmal dem Galgen verfallen. Wenn ich mich der „Beschwerlichkeit unterziehe, dich mit mir bis zu dem nächsten Criminalgerichte fortzuschleppen, so hast du wochenlange, vielleicht monatlange Todesangst anszustehen, bis „das Hochgericht sich deiner erbarmt. Ich will es aber kürzer „mit dir machen! Verrichte dein letztes Gebet, denn nach „fünfzehn bis zwanzig Minuten hängst du an jenem Baume, „welcher Zeuge deiner Schandthat war." „Er versuchte Alles, mich zu erweichen, da er aber „mich fest entschlossen sah, so wie es ihm einleuchtete, daß „bei meiner überlegenen Körperkraft an einen Erfolg durch „Widersetzlichkeit nicht zu denken sei; um so weniger, da sein „rechtes Bein durch die erhaltene schwere Wunde ihm jede „Bewegung erschwerte, betete er. „Unterdessen nahm ich von den zwei Waarenbündeln „der Erschlagenen die Stricke herab, befestigte den stärksten „derselben mit dem einen Ende an einen Zweig des Baumes, „machte an dem andern Ende eine Schlinge, die ich um den „Hals des herbeigeschlcppten Mörders wand, den ich durch „die Waarenbündel in eine erhöhte Stellung brachte; und „durch das Wegziehen der Unterlage schwebte der Delinquent „in der Luft. Da er aber lange zappelte, ohne sterben zu „können, lud ich mein Pistol und gab ihm durch einen Schuß „durch den Leib den Garaus. „Was der Meuchler den Erschlagenen bereits abgenom- „men hatte, das nahm ich nun zu mir, und ich habe die „Ehre, es hier beizusenden, damit es den bedauernswürdigen „Erben behördlich zugemittclt werde; alles Uebrige ist an dem „Orte der erzählten gräßlichen Vorgänge zu finden." Hier endete das Schreiben. Der Oberstuhlrichter veranlaßte sogleich, daß eine Commission sich nach dem im Briefe bezeichnten Orte begab, wo auch wirklich Alles, was man vorfand, bestätigte, daß der Bericht getreulich war. An einem Zweig einer Eiche hing der Leichnam eines jungen Menschen von ungefähr 26 bis 28 Jahren; unten lagen zwei Erschlagene und neben diesen zwei Waarenbündel. Es ist natürlich, daß die Begebenheit, als sie bekannt wurde, besonders in jener Gegend viel von sich reden machte. Die benachbarte Judengemeinde übernahm die Bestattung der zwei ermordeten Israeliten, in welchen man zwei Insassen — Vater und Sohn — aus .. ly erkannte. Zu derselben Zeit befand ich mich in Geschäftsangelegenheit zu .. ly. Alles beeiferte sich, die trauernde Familie der Erschlagenen zu besuchen und zu trösten, und auch ich unterließ es nicht, eine Visite zu machen, welche uns Israeliten als eine religiöse Pflicht aufgetragen ist. Es wurde in Gegenwart der Leidtragenden viel über die Sache gesprochen und alle Anwesenden erklärten sich als meine Gegner, als ich das Verfahren des unbekannten Rächers tadelte, der Ankläger, Zeuge, Richter, Executor und am Ende Scharfrichter in einer Person gewesen war. Die Leute fanden die Handlungsweise eben so genial als originell. Als die sieben Tage der strengen Trauer vorüber waren, überraschte mich einer der Leidtragenden mit seinem Besuche, und nach einer kurzen Einleitung sagte er zu mir: „Herr H . .! Sie haben über den, der jenes scheußliche Verbrechen aus eine so ungewöhnliche Weise rächte, ein verdammendes Urtheil gesprochen, was mich veranlaßt, Ihnen vertraulich zu entdecken, daß — ich selber es war, der jene furchtbare Justiz übte: ich, der ich den Mörder meines Vaters und meines Bruders bei der That ertappte. Ich frage Sie, Herr! was würden Sie, der Sie mich tadeln, an meiner Stelle gethan haben? Sie hätten den Mörder gepeinigt, gemartert und zu Tode gequält. Ich ließ dem Schandbuben Zeit, sich reuig vor Gott auszusprechen; und wäre er ein Jsraelite gewesen: hätte ich vor seiner Hinrichtung selbst mit ihm die Widui (Sündenbekenntniß) gesagt. Nun glaube ich aber, daß Niemand an mir eine Handlungsweise zu verdammen das Recht hat, der sich eingestehen muß, daß er an meiner Stelle schlimmer verfahren wäre. Daß ich aber der Behörde unbekannt zu bleiben beschloß, ist keineswegs aus Gewissensangst; ich fürchte Chicanen, und will auch nicht so oft durch gerichtliche Vorladungen in meinen Geschäften gestört sein." Seit jenen Vorgängen waren beinahe zwanzig Jahre verflossen; und wiewohl mir in .. ly eine geliebte Schwester wohnte, kam ich doch seitdem nicht in jene Gegend, bis ick vor einigen Jahren von dieser Schwester und ihrem Gatten die freundliche Einladung erhielt, dem Vermählungsfeste ihres ältesten Sohnes beizuwohnen. Ich folgte nicht nur der Einladung, sondern ich ordnete zu Hause meine Geschäfte derart, daß ich vierzehn Tage lang in . .ly verweilen konnte. Ich hatte die Freude, meinen Schwager im Wohlstände, und umgeben von einer kleinen liebenswürdigen Familie zu finden. Am meisten aber nahm mich ihre zweitgeborne Tochter „Schönchen", ein Mädchen von siebzehn Jahren, für sich ein. Außer ihrer wirklich imposanten Schönheit, war aus ihren Gesichtszügen so viel freundliche Gutmütigkeit herauszulesen, daß man von dem ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft nicht anders als sie recht lieb haben mußte. Es war eine jener lieblichen Erscheinungen, die so leicht alle Herzen gewinnen, eben weil sie weit von dem Gedanken entfernt sind, die Herzen gewinnen zu wollen. Es konnte mir also nicht entgehen, daß Schönchen gerade bei mir eine Ausnahme machte, daß sie es nämlich darauf angelegt zu haben schien, meine Zuneigung ganz zu erobern. Sie überbot alle ihre Geschwister an Liebkosungen und Aufmerksamkeiten für mich; so daß es mir bald klar wurde, sie trage sich in Bezug auf mich mit einem besondern Plane herum, etwa dem: meinen Einfluß im Hause zu ihrem Vortheile zu benutzen. Ich hatte es errathen. Schönchen liebte einen würdigen jungen Mann, dessen Herz sie auch besaß; allein ihr Vater war nicht zu bewegen, in eine Verbindung zwischen ihnen einzuwilligen, wiewohl er mit dem Vater des Jünglings in einem freundschaftlichen und geschäftlichen Verkehre stand. Die Verliebten hatten mich zu ihrem Vermittler erkoren, und wendeten sich deswegen auch bittend an mich. Konnte ich ein so billiges Verlangen zurückweisen? Ich übernahm die Mission. Natürlich war meine erste Aufgabe, zu erforschen, warum mein Schwager sich gegen -eine Verbindung sträube, die doch den Verhältnissen gemäß, ihm nur erwünscht hätte erscheinen sollen. Da mir die jungen Leute darüber keine Auskunft zu geben vermochten, wendete ich mich unmittelbar an meinen Schwager selber. Dieser vertraute mir denn, daß er sich durchaus nicht entschließen könne, mit einem Manne — dem Vater des Jünglings — in eine so enge verwandtschaftliche Verbindung zu treten, der zwar scheinbar ein makelloses religiöses wie sittliches Leben führe, dennoch seit lange heralles Ansehens in der Gemeinde entbehre, und von vielen sogar wie ein Verbrecher gemieden werde, da er gewissermaßen von dem alten, vor Jahren in die Ewigkeit cingegangenen Rabbiner in den Bann gethan wurde. „Und worin besieht denn heute in der Praxis eine derartige Excommunication?" fragte ich. „Er ist ein „Kohen" (Priester) von Geburt, darf aber weder im Tempel noch außerhalb desselben als solcher fungiren," war die Antwort. „Wodurch," fragte ich weiter, „hat er sich die Strafe der ^communication zugezogen?" „Das ist eben ein Geheimniß," erwiedcrte mein Schwager, „das arge Vermuthungen zuläßt; denn mit Recht wird