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Deborah · 1866-02-01 · Heft 3 (1.2.1866) · page 8

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 3 (1.2.1866)
Date
1866-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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- 32 — „Es ist nichts, Iwan," erwiederte Jener. „Hast Du was bei ihm gefunden, Wassilj?" „Einige Kopeken. Willst Du einen Schnaps, Iwan?" „Gib her." — Und er leerte den Krug und kehrte zum Quincaillerie-Koffer zurück, den Kosaken und den Schmuggler ihrer wunderlichen Unterhaltung überlassend. „Dein Vater hieß Naphtalie, und Deine Mutter?" „Mirjam." „Mein Gott, mein Gott!" rief der Soldat und schlug die Hände zusammen, „raube mir den Verstand nicht! So ist's, ich habe dies Amulct erkannt, das mir einst der Rabbi von Mesericz für mein Kind gegeben. — Du bist mein Sohn — mein Sohn — mein Daniel!" Und er drückte, ohne von seinem Gefährten bemerkt zu werden, seinen Sohn in seine Arme, während über seine gefurchte Wange zwei dicke Thränen herunter rannen. „Ihr, Ihr mein Vater? Und in dieser Stellung!" „Es ist der Wille Gottes, mein Sohn." „O, löst mir die Bande, daß ich meinen Vater umarme." „Pst, mein Kind, ich darf nicht; cs wäre ein Unglück, wenn dieser Mann dort erführe, Du seiest mein Sohn, es würde Dein Urtheil sein, weil Du flüchtig bist und Dich der Militärpflicht entzogen; legen wir uns um Deinetwillen Zwang aus, mein unglücklicher Sohn. Laß Dich betrachten, mein Daniel — es ist so lange, seitdem ich Dich, mein Kind, gesehen. Du bist ein Mann geworden, mein Knabe, aber Du scheinst in Mangel und Entbehrung groß geworden zu sein?" „Aber Du Vater — Du — erzähle mir von Dir." „Was soll's Dir, laß cs Kind." „Nein, erzähle, wie Du in diese Stellung gekommen, mein armer Vater." „Es ist schon seit lange. Du siehst mich in diesem Dienste grau geworden. Bald nach Deiner Flucht war's, als ich des Verbrechens, Dich flüchtig gemacht zu haben, geziehen und überwiesen wurde; der Pröceß war kurz und ich-statt Deiner in die Armee eingereiht. Ich schied meine Frau, Deine Mutter, damit ihr Schicksal nicht an das eines unglücklichen Mannes, an die Wechselfälle Des Soldatenlebens gekettet bleibe, und beugte mich vor Gottes Willen. O, mein Sohn! wie habe ich seitdem gelitten in den Gefahren der Schlachten, in den Starrnissen unserer Wüsten, die ich durchkreuzte, in den Schrecken des Nordens, in die ich so viele unglückliche Sünder habe schleppen müssen, daß dort ihre warmen Wallungen vereisen und der Leichtsinn überlegen lerne; ich habe viel gelitten, nicht umsonst ist mein Haar grau, mein Körper gebeugt, mein Auge trübe." „Aber Ihr seid Kosak, Vater." — „Es wundert Dich, mein Sohn, daß ich das geworden, was hier ein Jude nie werden darf, daß ich Kosak geworden? Ich will's Dir erklären. Vor einigen Jahren lag ich in dem angrenzenden Städtchen Radziwilow in Garnison; in müßigen Stunden habe ich oft diesen Wald durchstrichen, allein mit meinem Schmerze, mit meinen Gedanken, und so fand ich eines Tages hier ein schweres Packet weggeworfener Schmuggelwaaren, deren Träger, um sich schneller vor den verfolgenden Kosaken zu retten, sie weggelegt haben mochte, ohne daß Jene sie haben finden können; ich hätte diesen Fund, ohne Zeugen gemacht, behalten und verwerthen können, jeder Andere an meiner Stelle hätte sich ein kleines Vermögen daraus gemacht; mir aber, was lag mir in meinem kummervollen Dasein, in meinem schmerzbeladenen Leben an den Mitteln, mir Bequemlichkeiten zu verschaffen, für die ich stumpf geworden, mir Genüsse zu kaufen, für die ich längst den Sinn verloren? Ich trug den ziemlich werthvollen Fund ins Grenzamt, wo ich ihn unberührt abgab; ich that, was kaum meine Pflicht, denn ich bin kein Grenzwächter, sondern ein Soldat der Linie gewesen, und man meinte meine Redlichkeit am besten dadurch zu belohnen, indem man mich ausnahmsweise als Juden zum Kosaken machte. Seit Jahren lebe ich nun in diesen finstern Tannenwäldern, die schweren Tritte der Zeit zählend, die mich so langsam hinschleppt." „Armer, armer Vater!" — Und in die Augen des jungen Mannes traten Thränen. „Du armer Knabe wirst einige Monate eingesperrt und dann als vermeintlicher Oesterreicher den österreichischen Behörden ausgclicfert; aber hüte Dich wohl, zu gestehen. Du wärest in Rußland geboren worden, sonst ist Dein Loos das traurigste." „Ich werde mich hüten. — Und Ihr —" „Was soll ich, mein Kind?" „Werde ich Euch nimmer wieder sehen?" „Gewiß nein, mein Sohn. Ich bin alt, mein Leben ist bald verronnen, und ich werde in wenig Zeit die Bürde meines Lebens abstreifen, oder kann ich entlassen werden und bin ich meines Eides entbunden, dann schleiche ich aus denselven mir wohlbekannten Wegen, auf denen ich jetzt den Tritten der Schmuggler auslaure, hinüber in jenes Land, in dem Du ein Asyl gefunden, um mit Dir zu leben; arm und erwerblos werde ich meine alten Tage, wie Du Deine Jugend, der Nacht und dem Sturme aussetzen, mich durch diese Wälder stehlen, die ich jetzt hüte, und der Kosak als Schmuggler den Rest seines müden Lebens fristen." Der Tag begann schwach zu dämmern durch die schneegeschwängerten Wolken, die den ganzen Horizont umkleideten. Der zweite Kosak, der eben seinen Cursus in der Waarenkunde beendigte, stand jetzt auf, schnürte das Gepäcke und wendete sich zu seinem Kameraden. „Holla! Aufbrechen!" rief er. „Trage Du Deinen Pack, Bursche, und Du bindest den Mann an Dein Pferd, Wassilj. Auf, nach Radziwilow!" Seinen Ranzen auf dem gebeugten Rücken, die Hände gebunden und an das.Roß seines vernichteten Vaters gefesselt, während Iwan voranritt, wurde Naphtalie nach Radziwilow geführt, um dem Grenzamte überliefert zu werden, durch die Hände seines eigenen Vaters, der ihn nicht nennen, nicht anreden, nicht bemitleiden durfte, um sein Loos nicht noch trauriger zu machen. Einige Monate werden vorübergehen, eine lange Kerkernacht, und der gebüßte Schmuggler wird mit halb rasirtem Kopfe, gefesselt, abgehärmt durch langes Leiden, den österreichischen Behörden, dem Cartel gemäß, ausgefolgt und entlassen werden. Die Feuerprobe wird er überstandcn haben und wieder kommen und wieder und mit besserem Glücke durch den dunklen Wald schleichen, er wird im silbernen Lichte des Mondes unter den dunklen Tannen die Hütte sehen, in der sein Vater wacht, und später aber sich wohl hüten, sich ihr zu nahen, weil Iwan mit Wassilj die Warte hält! Ein Mediriner. Original-Novelle von Arnold Weisse. Erstes Kapitel. Akademie und Studentenstube. Heute hält die Akademie der Wissenschaften ihre feierliche Jahressitzung. In derselben werden nach den gewöhnlichen Rechenschaftsberichten und Nachrufen an berühmte Todte, die Preise für ausgeschriebene Fragen ertheilt. Wir treten mit Dir, lieber Leser, in den Saal, um diesem interessanten Acte beizuwohnen. Ein fesselnder Anblick. Auf den roth- (Fortsetzung in der Beilage.) Eigenthümer, Herausgeber und verantwortlicher Nedacteur Isaak Bloch. — Druck von A. della Torre in Wien. 8^" Mit einer Beilage.

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