Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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— 31 — Es war eine grausige Winternacht, der Wind fuhr in dumpfen Stößen, der Schnee fiel in nassen Flocken von dem schwarz umschleierten Himmel, eine jener Nächte, die die Wegelagerer und die Schmuggler herbeiwünschen als Deckmantel für ihr strafbares Beginnen, um hinaus zu gehen, Gefahren und Elementen trotzend, Menschen und Gesetze herausfordernd, dem Leben die karge Nahrung fürs Leben abzuringen. Auf dem Wege, der aus Brody zum Walde führt, welcher die Grenzmarke zwischen Oesterreich und Rußland ist, schritt in dieser stürmischen Nacht zur späten Stunde ein junger Mann; den Rücken gebeugt unter dem Gewichte eines schweren Ranzens, ging er rasch über die beeisten Felder dem Walde zu, immerfort murmelnd, als ob er betete. Und in der That, es war eine Nacht zum Beten, überdies war es der erste nächtliche Gang dieses jugendlichen Schmugglers; er hatte wohl das Terrain erforscht und all' die Windungen des geheimen Pfades studirt, aber noch nie trug er verbotene Waare auf dem Rücken, noch nie hatte er sich der Nacht vertraut und Kosaken gegenüber gestanden. Was thut man nicht um Broterwerbes willen! Je näher er dem Walde kam, desto inniger und leiser ward sein Gebet — es ist dies die Zuflucht gläubiger Seelen oder schwacher Gemüther in Furcht oder in Gefahr. Die Nacht des Waldes nahm den Einsamen auf. Das Schweigen dieses Ortes, in dem in schönerer Jahreszeit tausend Wesen mit ihren Gesängen, ihrem Gezwitscher und Gewimmel leben, jetzt nur unterbrochen von dem Geknister der einsamen Schritte auf dem gefrornen Schnee und dem fernen Rufe eines irrenden Wolfes, hatte etwas so Furchterregendes, daß auch das Blut des Muthigcren vereist und eine weniger gläubige Seele zur Andacht hätte gestimmt werden können. Oft blieb der junge Wanderer stehen, um hinter oder vor sich zu sehen, ob er nicht vom Wege abirre, den keine Menschenfüße im Schnee ausgetreten; oft stolperten die müden Füße an einem emporragenden Baumstamme, an einem Eisklumpen, oder sanken in eine schneegefüllte Grube, aus der er sich, schwer befrachtet, nur mit Mühe, keuchend unter der Bürde, mit Hülfe des dicken Knotenstocks, der ihm zur Stütze und Wehr diente, heraushalf, aufseufzte und den beschwerlichen Marsch fortsetzte. Er war lange gegangen, sein Körper zitterte vor Kälte und Angst, seine Füße schwankten vor Frost und Müdigkeit. — „Hier ist der Scheidepunkt," sagte er zu sich, „oder hier in der Nähe muß er sein, Gott stehe mir bei!" Er schritt weiter. Ach, wer gebettet auf Eiderdunen, sich brüstend im sammtdrapirten Wagen, stürmische Nächte im Freudenkreise durchwachend, stürmische Tage in sicherer Ruhe verschlafend, den Schmerz in Lust ertränkend, die Freude in langen Zügen schlürfend — wer von Jenen, die im Leben nichts kennen, als seinen schnellen Flug, vom Schicksal nichts als sein Lächeln, vom Himmel nichts als seinen Sonnenschein — wer denkt da ans Schicksal eines Menschen, den das Glück ausgestoßen, der nie an der vollen Tafel saß, der wie die menschenscheuen Thiere des Waldes bei Nacht und Sturm seine Nahrung sucht, um das traurige Leben Hinschleppen zu können? — An das Schicksal eines Menschen, der vom Leben nichts kennt, als den bleiernen Tritt, vom Schicksale nichts als das schwere Rollen, vom Himmel nichts als den Sturm, kaum den Trost des Gebetes und die Linderung der Thräne? Dieser Mann hat doch schon diesen Weg gemacht — er war noch ein Kind — unter Führung älterer Schmuggler. Seit jener Zeit sind viele Jahre hingegangen, er ist seiner daheim gebliebenen Familie fremd geworden, hat keine Meldung erhalten und keine gegeben, um seine Spur nicht zu verrathen und dem zwischen Oesterreich und seinem Nachbarstaate bestehenden Cartel zu verfallen, verlassen und verwaist, in Elend und Schmutz groß gewachsen, ohne Mittel und Erwerb hat er das gefährliche Handwerk der Schwärzer ergriffen, das ihn über eine Grenze bringt, welche er ehemals mit so vieler Gefahr überschritt, einem Lande entfliehend, das er jetzt als zweifacher Verbrecher aufsucht. Er schritt immer weiter vor, und hinter ihm dehnte sich die grauenvolle Finsterniß des öden Waldes, Schweigen starrte ihm entgegen wie vom Kirchhof um Mitternacht. Der Schnee hatte alle Spuren verwischt, jedes Anzeichen verweht und der Wanderer wußte kaum, ob er den rechten Weg gegangen und die Linie überschritten, an der die Kosaken wachen, oder ob er ihn verfehlt habe. Die Ungewißheit und alle Schrecken seiner Lage drängten auf ihn ein; er blieb stehen, der Schweiß sammelte sich auf seiner glühenden Stirne, er strengte sein Gesicht an, um besser zu sehen, sein Gehör, um jeden Laut auffangen zu können; von namenloser Furcht geschüttelt, war er kaum noch im Stande, sich auf den schwankenden Füßen zu erhalten, — plötzlich verscheuchte ein Blitz die Finsterniß, ein Knall das Schweigen der Nacht und des Waldes, eine Kugel sauste an ihm vorüber und schlug in den nächsten Baum, einige ächzende Raben aufschreckend, und ehe der Mann sich von dem lähmenden Schrecken hat erholen können, stürzten sich zwei Männer behende auf ihn, er ward gebunden in eine Hütte geschleppt und auf ein Lager von verfaultem Stroh und welkem Laub geworfen. Die beiden Kosaken hatten eine kleine Laterne angezündet, an deren mattem Strahle der Eine die contrebanden Waaren untersuchte, während der Andere neben dem Gefangenen niederkniete und seine Kleidung visitirte. Er wühlte in den weiten Taschen und fand nichts als einige Kupfermünzen, die er gierig einsackte; er suchte im weiten Ledergürtel, den er trug, in den Falten des Rockes, fand aber nichts als ein an einer Schnur um den Hals hängendes Amulet, eine kleine Pergamentrolle in einer blechernen Kapsel. Der Kosak stutzte. „Dieses," sagte der Gefangene, „wurde mir als ein Kind von meiner Mutter angehängt, es ist von heiligen Händen geschrieben und schützt vor Unglück. Ich trage es seitdem." — Der Kosak betrachtete aufmerksam das Anhängsel. „Deine Mutter hat's Dir gegeben?" „Ja, ich war damals noch ein junges Kind, lass mir das, für Dich hat dies keinen Werth." „Woher bist Du?" „Aus Brody." „Jsi's auch wahr?" „Ja." „Sag' mir offen, fürchte Dich nicht, Uvri unoelli, ich bin Jude." „Ah, ein Jude! Dann habe Mitleiden." „Das darf ich nicht; jedoch sage mir, ich werde Dich nicht verrathen, so wahr wir an den alleinigen Gott glauben." „Du schwörst mir?" „Ich habe es gethan. Bist Du aus Brody?" „Nein." „Woher?" „Ich bin verloren, wenn Du mich verräthst." „Sei ruhig, ich bin nie ein Verräther und nie ein Meineidiger gewesen." „Ich bin in Rußland geboren." „Wo?" „In dem Orte K..." „In K...?!" rief der Kosak. „Was ist Dir!" „Nichts. Wie lange ist's, seitdem Du Dich aus K... entfernt hast?" „Fünfzehn Jahre, ich war damals sieben alt." „Und wie heißt Dein Vater, Deine Mutter?" frug beinahe athemlos und in Angst der greise Soldat. Der Schmuggler schwieg und starrte dann den alten Mann an. „Mißtraue mir nicht; bei dem Heile Deiner Seele, sage: wie heißt Dein Vater?" „Naphtalie." „Naphtalie!" — Diesmal war der Ausruf des Soldaten ein so lauter und unbedachter, daß sein Kamerad, der noch immer im contrebanden Koffer des unglücklichen Schmugglers herumstöberte und sich Manches von den Quincaillerie-Waaren aussuchte, empor schaute und fragend ihn anblickte.