Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 62 (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater, welcher seiner Menschenkinder sich liebevoll annimmt, insonderheit indenr er durch seinen Sohn und seinen Geist Erlösung vom Sündenelend und Mitteilung einer neuen Geisteskraft gewährt. Die salige Frau. Zu der Zeit, als die Abhänge der Kärntner- Alpen noch bis hoch hinauf mit dichtem Wald bedeckt waren, stand in dem Tale, durch welches die Maltein ihre nülchigen Gletscherfluten wälzt, am Fuße dunkler, bis in die Wolken ragender Bergwände ein einsames Haus. Der Ansiedler, der sein Heim in so tiefer Abgeschiedenheit gegründet hatte, war ein junger Mann, hochgewachsen wie die Fichten, die in den Felsklüften wurzelten. Aber über seinem Gesicht lag ein tiefer Schatten: die Stirn blieb gerunzelt, und die Augen blickten immer sinster darein. Ebenso unfroh wie der Bauer waren sein Weib, seine Rinder und sein Gesinde. Sie hatten freilich auch ein schweres £os. Wenn sie den Wald ausrodeten und mühsam den Acker bestellten, mußten sie sich immer wieder gegen Wölfe und Bären verteidigen, die unvermutet aus den Büschen hervorbrachen. Selbst im Hause waren die Frau und die Mägde nicht sicher vor Raubtieren. Rein Wunder, daß man da wenig frohe Gesichter sah. Hoch oben in den Felsen, unter denen das Haus stand, nahe den Wolken, wohnte die salige Frau, der Berggeist, in sonniger Herrlichkeit. Die ganze Natur beeilte sich, ihr zu huldigen. Die Menschen da unten sahen wohl manchmal ihren Schleier, hielten ihn aber für einen Nebelstreifen und beachteten ihn nicht weiter. Sinnend schaute die salige Frau auf die flnsteren Menschenkinder nieder, und Tränen füllten ihre Augen. Die jauchzende Natur, die blendende Schönheit der erhabenen Alpenwelt, alles konnte sie nicht befriedigen, solange die Menschen so unglücklich waren. Da kam der saligen Frau ein Gedanke. Sie hüllte die Pracht ihres Leibes in ein schlichtes Gewand, barg die Lockenflut unter einer großen Haube, bräunte sich mit Wurzelsäften Gesicht und Hände und stieg, auf einen derben Stock gestützt, ins Tal hinab. Sie ging zu dem Bauer und trug sich ihm als Magd an. Da er gerade eine Hilfe brauchen konnte, nahnr er die Freunde gerne auf. Er hatte es nicht zu bereuen. Was sie anfaßte, das geriet. Es lag ein Segen auf ihrer Arbeit. Aber das Schönste tarn noch. Als die wunderbare Magd sich eines Abends mit den Rindern beschäftigte, begann sie ein Lied zu singen. Alles lauschte wie gebannt. Man konnte sich an den süßen Melodieen gar nicht satt hören. Es dauerte nicht lange, da lernten auch die anderen die Lieder der Fremden. Bald war das ganze Leben wie umgewandelt. Die Arbeit schien nicht mehr so schwer zu sein. Vor den wilden Tieren fürchtete man sich nicht mehr, da sie durch die Macht des Gesanges verscheucht wurden. So verging etwa ein Jahr. Eines Abends waren im silbernen Mondschein die Hausgenossen wieder versammelt, um einen: Liede der fremden Magd zu lauschen, plötzlich schraken die Großer: wie die Rleinen zusamrnen. Statt der fremden Magd stand vor ihnen eine Frau in überirdischer Schönheit. Mit holder Stimme sprach sie noch: „Lebt wohl und bleibt, was ihr durch mich geworden seid: liederfrohe Menschen!" Dann verschwand sie. Diese sinnige Dichtung, welche eine Grazer- Zeitung aus Anlaß des Grazer Sängerfestes von $03 veröffentlichte, ist, wie unser dortiger Freund, R. Urban, schrieb, eia wunderbares Gleichnis von der Menschen Elend und Gottes Hilfe. Die Menschheit seufzte unter leiblicher und geistlicher Not. Da hielt es der Sohn Gottes nicht mehr aus in seiner Herrlichkeit. Er entäußerte sich selbst und nahm Rnechtsgestalt an. Er kam, um zu dienen und sein Leben hinzugeben. Er lehrte die Menschen ein neues Lied. Er brachte ihnen ein neues Leben, sofern sie an ihn glaubten. Und wenn er auch wieder hinaufgefahren ist in seine Herrlichkeit, so wissen wir doch: Er ist bei uns alle Tage, und was er uns durch sein Erlösungswerk erworben hat, geht nicht mehr verloren. Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Was machst Du aus Dir selbst? Man kann oft die Behauptung hören, Jesus habe nie daran gedacht, sich eine übermenschliche Würde zuzuschreiben, und er sei erst durch seine Jünger mit einem himmlischen Strahlenkranz umgeben worden. Da ist es imn:er wieder notwendig, auf sein Selbstzeugnis zu verweisen, auf die Antworten, welche die obige Frage (Zoh. 8,53) aus seinem eigenen Munde e:npsing. Schon manche allgen:eine Aussagen zeigen, daß die Wurzeln seines Wesens jenseits der Erdenwelt liegen. Was er über die Geheimnisse des Himmels und der Erde sagt, kann zwar aus einer außerordentlichen Erleuchtung erklärt werden. Aber er weiß sich auch berufen, zwischen Himmel und Erde zu vermitteln. Er nennt sich das Brot des Lebens, die Auferstehung und das Leben, den Weg, die Wahrheit und das L'eben. Er verheißt, daß erden heiligen Geist senden werde. Er verlangt, daß die Jünger an ihn glauben und in ihm bleiben sollen. Er fordert auch, daß sie ihn mehr lieben sollen als ihre nächsten Angehörigen. Derartige Aussprüche heben den, der sie tat, über die ganze Menschheit empor. Die besonderen Aussagen Jesu über sein Wesen schließen sich in der Regel an einen der beiden