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Dibre Emeth · 1905-01-01 · 4 (1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
61 (1905)
Issue
4 (1905)
Date
1905-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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30 Begnadigung!" Mit dein Ausdruck der höchsten Bestürzung rief der Mörder: „Ich bitt' Sie um alles, tun Sie das nicht! Sehen Sie, wenn ich jetzt sterbe, so weiß ich, daß mich der Heiland zu Gnaden annimmt; käme ich aber tu ein Zuchthaus, so könnte ich nicht dafür stehen, ob ich nicht wieder iil,. Unglauben, in Zuchtlosigkeit, ins Verderben geriete. Überdies Hab' ich den Tod verdient; ich kann mein Verbrechen mit nichts wieder gut machen; darum dient es meinem Gewissen zur Beruhigung, wenigstens das einzige, was ich noch habe, mein Leben, für meinen Frevel lassen zu muffen, obwohl ich weiß, daß nur das Blut Christi mich rein und gerecht macht vor Gott." Der Geistliche stand von seinem Vorhaben ab, und als ein bußfertiges, begnadigtes Gotteskind ging der Verurteilte seiner Strafe entgegen. Als sein Seelsorger ihn abholte und er mit demselben die vielen Treppen Hinabstieg, welche zum Richtplatz führten, da schritt der Verbrecher mit solcher Festigkeit und Ruhe vorall, daß sich jener nicht enthalten konnte, zu fragen: „Wie ists nur möglich, daß Sie so getrost den Weg zum Tode wandeln, da unser Heiland auf Seinem Kreuzweg gezittert und gezagt hat?" Da wandte sich der Mann um, sah den Seelsorger freundlich an und erwiderte: „Gerade deswegen, weil Gr für mich gezittert und gezagt hat, kann ich so ruhig sterben." (Aus dein „Lhristl. volksfrennd". vgl. „D. L." MH, 5. \ f.) Dr. med, Nathan Immanuel Mossa wurde am 29. Oktober f855 zu Friedland bei Lübben (R.-B. Frankfurt a. O.) geboren. Sein Väter, ein jüdischer Kaufmann, übte zwar auch am Sabbath seinen Beruf aus, hielt aber sonst an den Gebräuchen des Judentums „fest. An jedem Freitagabend las er zu Hause eine Übersetzung und Erklärung der j)arascha vor, doch wurde der biblische Abschnitt den Zuhörern durch die rabbinischen Zutaten eher verdunkelt als erhellt. In Spandau, wohin die Familie H858 übersiedelte, besuchte Nathan die ev. Bürgerschule. Später kam er auf das Werdersche Gymnasimn in Berlin. Nachdem er die Reifeprüfung bestanden hatte, studierte er an der Berliner Universität Medizin. Schon früh hatte er christliche Eindrücke empfangen und das Neue Testament kennen gelernt. Als er eimnal anstelle des erkrankten Rabbiners in einer Spandauer Strafanstalt vor den jüdischen Gefangenen über Ies. 55, 6 redete, benützte er das Gleichnis Luk. J5, \\ ff., um Gottes Gnade gegen den bußfertigen Sünder zu veranschaulichen. Nach Beendigung seiner Studien Q858) ließ er sich in einerkleinen Stadt als Arzt nieder. Hier, wo außer ihm kein Jude lebte, wohnte er gelegentlich dem christlichen Gottesdienst bei. In einer anderen Stadt, in welcher er bald darauf seinen Wohnsitz nahm, und in welcher eine jüdische Gemeinde bestand, besuchte er zwar die Synagoge, doch fühlte er sich von ihr nicht inehr befriedigt. Verschiedene Umstände, besonders die Bekanntschaft mit einer christlichen jDredigerfamilie und das Studium von Rom. \\, bereiteten die Wendung in seinenr inneren Leben vor, die sich an der dritten Stätte feiner ärztlichen Tätigkeit, in Bromberg, vollzog. Iesaia 55 brachte ihn hier zu der Erkenntnis, daß Jesus Lhristus der den Juden verheißene M-essias ist. Das menschliche Werkzeug bei seiner Bekehrung war ein Missionar der Britischen Gesellschaft, Dr. Koppel. Getauft wurde Mossa am 20. Dezember f863 in der Berliner Ehristuskirche von dem Londoner Missionar Bellson. Sein Taufname lautete: Immanuel. In Bromberg, wo er Dr. Koppel bei der Leitung einer Erziehungsanstalt behülflich war, blieb er bis J883. Doch wurde der Aufenthalt durch seine Teilnahme an den Kriegen von \Q6%, 66 und 70/7{ unterbrochen. Er konnte als Militärarzt manchem Verwundeten und Kranken dienen, unterließ es aber auch nicht, auf den himmlischen Arzt hinzuweisen, der das bedeutsame Wort Matth. 20, 28 gesprochen hat. Seine Tätigkeit im deutsch-französischen Kriege wurde mit dem Eisernen Kreuz belohnt. Seit \885 wirkte er in Stuttgart. Auch hier ging er in seiner ärztlichen Arbeit, zu der die Herausgabe der „Allg. Homöopathischen Zeitung" gehörte, nicht auf. Es war ihm ein Bedürfnis, an dem Bau des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Namentlich lag ihm Israels Heil am Herzen. Das ersieht man aus zahlreichen prosaischen und poetischen Erzeugnissen seiner Feder, die in verschiedenen Missionszeitschriften ans Licht traten. Vier von seinen christlichen Liedern, darunter „Großer Arzt, du ohne Gleichen", findet man in Stolles „Hosianna." Nach dem Tode von Dr. Fürst übernahm Mossa die Vertretung der Britischen Gesellschaft in Stuttgart. Im Sommer $0^ hatte der Herausgeber der „D. E." die Freude, ihn in seinen: Heim zu sehen und zugleich seine mit einem württembergischen Hauptmann vermählte Tochter kennen zu lernen. Am 8. März $05 folgte Dr. Mossa seiner schon ^898 durch den Tod ihm entrissenen Gattin in die Ewigkeit. Die Grabrede knüpfte an die Worte Jesu Ioh. 7, 37 f. an, welche einst bei der Trauung des Ehepaares demselben als Losung zugerufen worden waren, und bezeugte, daß von dem Entschlafenen Kraft des Lebens im natürlichen wie im geistlichen Sinne ausgegangen sei. „Seines Wesens, seines Wirkens tiefster Kern war beschlossen in der Treue des Glaubens gegen seinen himmlischen Herrn, . . . und noch ist daheim seine zerlesene Bibel ein ernster Zeuge, wie er auf der freien Höhe jeglicher, reicher Bildung doch festhielt im Glauben an die ewige Wahrheit." Diese Ürteile des Leichenredners decken sich mit den Eindrücken, die Mossas Leben auch sonst hinterlassen hat. Gott sei für allen Segen gepriesen, der von diesem judenchristlichen Mediziner ausging!

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