Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 61 (1905)
- Issue
- 4 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 gehrten, liebreich angenommen. Es hat ihn aber auch gejammert der großen Volksmassen, die verschmachtet und zerstreut waren wie Schafe, die keinen Wirten haben. Er konnte es schaffen, daß von fünf Broten und zwei Fischen 5000 Mann gespeist wurden und noch \2 Rörbe mit Brocken aufgehoben wurden, und ein anderes Mal, daß von sieben Broten und ein wenig Fischlein H000 Mann, ausgenonnnen Weiber und Rinder, gesättigt wurden und noch 7 Rörbe voll Brocken übrig blieben. Dieser allmächtige Herr kann sich auch der Armen und Bedrängten in unserem Volke annehmen und ihnen zu angemessenen Daseinsbedingungen verhelfen. Ohne den Herrn Thristus kann die große soziale Frage nicht, gelöst werden. Aber freilich, nicht dazu ist zunächst der Sohn Gottes auf Erden erschienen, um soziale Reformen einzuführen. „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen!" so ruft er uns in seinem Worte (Matth. 6, 33) zu. Wir muffen Iesum Thristum, der dazu erschienen ist, daß er die Werke des Teufels (die Lüge, den haß, den Hochmut usw.) zerstöre, annehmen als unfern Heiland und Retter von Sünde, Tod, Teufel und Hölle und müssen in seinen Wegen wandeln. Dann will er uns auch im Irdischen nicht verlassen, sondern auch da unser Versorger sein. Daruni wende sich zu Ihm, wer wahrhaft Rettung begehrt. Man breite dann aber auch die Runde von diesem allmächtigen Retter aus, wie einst die Hirten von Bethlehem das, was sie von ihm aus Engelsmund gehört hatten, ausbreiteten. ___ 5- Seebaß. Noch eine Erinnerung an J. T. Neck. Gin zum Tode verurteilter Mörder sollte von dem Ortsgeistlichen in Tübingen auf sein Ende vorbereitet werden. Als der Seelsorger einst von einem Besuch heimkehrte, begegnete ihm noch in der Nähe des Gefängnisses Professor Beck und redete ihn an: „Sie kommen wohl von dem unglücklichen Verbrecher? Wie steht es mit ihm?" „Nicht gut; das ist ein ganz verstockter Mensch, der alle Mahnung zur Buße leichtfertig und trotzig zurückweist." Darauf sagte Beck: „5o gehen Sie einige Tage nimmer zu ihm!" „Das möchte ich doch nicht", erwiderte der andere; „möchte mir keine Versäumnis vorzuwerfen haben." „Nun," riet Beck, „so gehen Sie hin, aber dringen Sie ihm eine geistliche Einwirkung ja nicht auf? Fragen Sie einfach, ob er Ihnen etwas zu sagen habe, und wenn er es verneint, so entfernen Sie sich wieder!" Diesen Rat befolgte der Geistliche und wurde wirklich in den ersten Tagen abgewiesen. Am fünften Tage aber fand er den Gefangenen äußerst niedergeschlagen, und als er die Frage an ihn richtete: „haben Sie mir etwas zu sagen?" da bat der Mann inständig: „Bleiben Sie doch noch bei mir! Sie sind der einzige Mensch, der sich bisher meiner annahm, und nun sind Sie auch so unfreundlich gegen mich?" Der Seelsorger entgegnete: Sie haben mich ja immer abgewiesen, wenn ich, mit Ihnen reden wollte." „O", versetzte jener, „sprechen Sie nur mit mir, ich fühle mich sehr unglücklich!" Das steinerne Herz war erweicht, er hörte nun willig auf die Worte des Geistlichen. Dieser teilte die eingetretene Veränderung Beck mit und bat ihn, den Verbrecher auch zu besuchen. Beck versprachs, und inimet ist der Geistliche dafür dankbar geblieben, daß er dies Gespräch bis zum Schluß anhören durfte. Beck redete zuerst mit der ganzen furchtbaren Strenge des Gesetzes: „Bedenken Sie, was Sie getan haben? Das Leben ist ein kostbares Gut aus der Hand des Herrn, der es uns anvertraut hat, um unsre Seligkeit zu schaffen und unsrem Nächsten zu helfen. Dieses Gut haben Sie Ihrem Mitbruder ruchlos genommen. Sie haben ihn vor der Zeit vor Gottes Richterstuhl gebracht, und wenn er nun unvorbereitet hinübergegangen und verloren ist, so sind Sie daran schuldig; ohne Ihre Tat wäre er vielleicht noch selig geworden. Bald werden Sie Rechnung tun müssen von Ihrem Leben. Wie wird es Ihnen gehen, da Sie es dem haß, der Sünde opferten?" So ernst und eindringlich sprach Beck, daß der Gefangene auf tiefste erschüttert wurde. Als nun Beck fortfuhr: „Sie haben aber auch ein Rind seines Vaters, seines Ernährers und Erziehers beraubt: was können Sie diesem Rinde dafür geben?" — da rief der Verbrecher händeringend und mit verzweiflungsvollem Gesicht: „Um Gotteswillen, auch das noch! Ja, ich kann ihm nichts dafür geben!" Dann, nach kurzer Pause, rief er: „Wenns nicht der Herr Jesus ihm ersetzt, ich kanns ihm nicht ersetzen!" Bei diesen Worten leuchtete es auf in Becks Augen, und er sagte: „Nun ja, ich habe seither vor Ihnen geschwiegen von dem Mann, der für die Sünden der ganzen Welt und auch für die Ihrigen gestorben ist. Aber ich darf Ihnen verkünden, daß auch für Sie noch Gnade zu hoffen und Vergebung zu erlangen ist." Und jetzt redete er zu ihm aufs lieblichste von dem Sünderfreund: „Verzagen Sie nicht! Blicken Sie auf Sein Rreuz I Auch Sie will Er noch aufnehmen in Sein Reich." Endlich segnete er ihn noch und sagte dann: „Ich scheide jetzt zwar von Ihnen für dieses Leben, aber ich bin der gewissen Zuversicht, daß wir im seligen Vaterhause einander Wiedersehen werden." Von diesem Tage an wuchs das geistliche Leben des Verbrechers, der mit dem innigsten Dank Becks gedachte, in so erfreulicher Weise, daß es dem Seelsorger ein ganz schmerzlicher Gedanke war: Dieser reumütige und doch in seinem Glauben so getroste Mensch, dessen Sinnesänderung so aufrichtig und kräftig ist, soll hingerichtet werden? Eines Morgens, kurz vor dem angesetzten Tag, sagte er zu ihm: „hören Sie, mir ist diese Nacht der Entschluß aufgestiegen: ich gehe zum Rönig und bitte um Ihre