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Dibre Emeth · 1905-01-01 · 1 (1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
61 (1905)
Issue
1 (1905)
Date
1905-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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(20, 20). Dann verwandelt sich das Größte und herrlichste in das Furchtbarste: der Mutter Liebe in der Mutter Fluch. Von diesem heißt es, daß er Häuser niederreißt (Sir. 5, U). So stand das Alte Testament in der Theorie zur Mutterliebe. Wir sehen, es hat sie hochgestellt und geehrt als die schönste irdische Leuchte unserer armen Erde. Wie war es aber in der Praxis, im Leben? Schauen wir hinein in das volle Menschenleben der Geschichte des Volkes Israel! Da treten uns aus der Fülle der Personen eine Reihe Mütter entgegen, deren Liebe im hellsten Lichte erstrahlt. Gehen wir diesem Glanze nach! Von Eva, der Mutter aller Lebendigen (\. Mose 5, 20), wird uns nichts ausdrücklich erzählt, was man Mutterliebe nennen könnte. Das erstemal tritt uns diese vielmehr entgegen an einer sonst geringgeschätzten Person, an Abrahams Magd, der hagar. Mit der Schlichtheit, die der Bibel eignet, wird uns da ein ergreifendes Bild entworfen. Abraham stößt auf Betreiben der Sara die hagar hinaus in die einsame Wüste. Er gibt ihr Brot und eine Flasche Wasser mit auf den Weg. Ihren Ismael an der Hand, wandert sie hinaus in die Fremde. Sie ziehen in der Irre umher, irn glühenden Sonnenbrände. Da geht das Wasser aus. Das Aind kann sich kaum noch weiterschleppen. Da legt hagar ihren verdurstenden Sohn unter den dürren Schatten eines Wüstenbaumes und setzt sich fern davon, einen Bogenschuß weit. Sie kann nicht ansehen des Anaben Sterben, heiße Tränen perlen ihr aus den Augen. Da erbarmt sich Gottes Herz über dies Mutterherz: ein Engel Gottes tritt helfend ein und zeigt ihr einen Wasserbrunnen, s. Mose 2\. Ein anderes Bild. Der greise Isaak liegt auf dem Krankenbette. Vor ihm steht sein Sohn Jakob. Seine schlaue Mutter Rebekka hat ihm Felle auf die Hände gelegt, daß der Alte ihn für den rauhen Esau halte und ihm seinen ersten Segen gebe, s. Mose 27. War das Mutterliebe? Gewiß, aber keine, die uns begeistern kann. Denn nur die Liebe ist etwas wert, die den andern bessert. Wie Mutterliebe erfinderisch macht, kann man übrigens auch anderwärts im Alten Testament sehen. Jedermann weiß, wie schlau es die Mutter Moses anfing, die ihr Söhnlein vor Pharao in dem Rohrkistchen rettete. 2. Mose 2. Wie Mose, so hat auch der andere große Führer- Israels, Samuel, eine liebende Mutter gehabt. Es wird uns erzählt, daß Hanna ihrem Söhnlein mit eigener Hand ein Mäntelchen nähte. (. Sam. 2. Das war eine von jenen kleinen Liebesgaben, die uns die liebe Mutterhand spendet. Da leuchtet es aus jedem Stich und jeder Falte wie ein Funke aus einer großen Sonne entgegen. Da ist die treue Liebe in jeden Faden mit hineingenäht. Bei Hanna erscheint das Feuer der Mutterliebe wie ein nrild und freundlich glühendes Licht. Wie eine große Flamme bricht sie bei Rizpa heraus, eine! Flamme, die durch nichts zu verlöschen ist, durch keine noch so harte Probe. Es war zu Davids j Zeiten. Da drückt eine schwere Hungersnot das > Land. Ein Gottesspruch verkündet: die Plage ist Strafe für Sauls Bluttat an den Gibeoniten. Diese j werden gefragt, was für eine Sühne sie verlangen.! Sie begehren die Hinrichtung von sieben Nachkommen Sauls. So werden sieben Sauliten gehängt, darunter zwei Söhne, die Rizpa, die Tochter Ajas, geboren j hatte. Aber nun sehen wir, was treue Mutterliebe! vermag: Rizpa macht sich am Fuße des Galgens, | daran ihre Ainder hängen, ein einfaches Lager und! verscheucht die Raubvögel und die wilden Tiere von den teuern Leichnamen bei Tag und Nacht, von der Ernte an bis zur Regenzeit. 2. Sam. 2\. Ihre klassische Ausprägung aber hat die Mutterliebe gefunden in der bekannten Gerichtsscene vor dem Thron Salomos. Zwei Weiber schliefen in einer Aammer, jede ihr Aind an der Brust. Da erdrückt die eine ihren Säugling. Sie vertauscht den toten mit dem lebenden der andern. Am Morgen erkennt die Betrogene das fremde Aind. Die Sache kommt vor den Aönig. Jede behauptet, das lebende Aind fei das ihrige. Da befiehlt Salomo, das lebende Aind mit einem Schwert unter beide zu verteilen. Da sprach das Weib, des Sohn lebete, zum Aönige (denn ihr mütterliches Herz entbrannte über ihren Sohn): „Ach, mein Herr, gebt ihr das Aind lebendig und Lötet es nicht!" Jene aber sprach: „Es sei weder mein noch dein. Laßt es teilen!" Da antwortete der Aönig und sprach: „Gebet dieser das Aind lebendig, und tötet es nicht. Die ist seine Mutter!" Aön. 3. Des Aönigs Weisheit lag darin, daß er die Macht der Mutterliebe erkannte. Endlich möchte ich noch jener lieblichen Geschichte gedenken, die uns in den Apokryphen des Alten Testaments aufbewahrt ist: der Erzählung von dem jungen Tobias und seinen Eltern. Da wird uns von der alten Mutter des Jünglings dreimal berichtet, daß sie geweint habe: das erstemal vor Schmerz über den Abschied ihres Sohnes; das zweitemal aus Angst, da er garnicht wiederkommt; das drittemal aus Freude darüber, daß er nun wieder gesund da ist. Siehe da, das Mutterherz in seiner ganzen Liebesfülle bei Freud' und Leid! Wir wenden uns nun zum Neuen Testament. Man kann öfters in widerchristlichen Schriften lesen, das Neue Testament, überhaupt das Lhristentum, sei familienfeindlich. Nichts ist törichter als diese Behauptung. Gewiß, es kennt eine höhere Gemeinschaft als die Familie, das Reich Gottes; es kennt ein wichtigeres Gebot als das vierte, nämlich das erste; aber es ist deshalb noch nicht familienfeindlich. Das Neue Testament schärft vielmehr mit Nachdruck und mehrfach das vierte Gebot ein. Paulus besonders tut dies, ja, ernennt es das erste Gebot, welches Verheißung

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