Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 60 (1904)
- Issue
- 3 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 \. Das Dasein eines allwaltenden Gottes spricht Schiller in den: schwungvollen Gedichte: „Die Worte des Glaubens" aus: „Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menschliche wanke. Hoch über der Zeit und dem Raume webt lebendig der höchste Gedanke. Und ob alles im ewigen Wechsel kreist, Gs beharret int Wechsel ein ruhiger Geist." hierzu vergleiche man die dem herrlichen Morgenliede Paul Gerhardts „Die güldne Lonne, voll Freud und Wonne", entnommenen Worte: „Alles vergehet, Gott aber stehet Ohn alles Wanken, Leine Gedanken, Lein Wort und Wille hat ewigen Grund. Lein £)eil und Gnaden, Die nehmen nicht Schaden, Heilen im Herzen Die tödlichen Schmerzen, Halten uns zeitlich und ewig gesund." Schiller verkündet in dem mitgeteilten Verse die hehre Majestät Gottes, aber es fehlt darin der Hinweis auf die trostreiche Beziehung Gottes zu den Menschen. Aus Paul Gerhardts Worten aber klingts uns entgegen, welch einen köstlichen Trost wir Thristen daran haben, daß dieser Gott unser Gott und unser Heiland ist. 2. Gin Spruch Schillers, der „Theophanie" (Gotteserscheinung) überschrieben ist, lautet: „Zeigt sich der Glückliche mir: ich vergesse die Götter des Himmels. Aber sie stehen vor mir, wenn ich den Leidenden seh." Schiller beschäftigte sich viel mit der altgriechischen Götterwelt; daher ist es wohl zu erklären, daß er von den „Göttern" spricht, wo wir, denen die Götter Griechenlands und Roms in ihr Nichts dahin gesunken sind, einen Hinweis auf den allein wahren Gott erwarten müßten. Sehen wir hiervon ab, so glauben wir in den obigen Worten einen tiefen christlichen Gedanken ausgesprochen zu finden. Schiller hat hiernach die Erscheinung der Gottheit, wenn er „den Leidenden sieht". Gr meint zunächst überhaupt einen leidenden Menschen. Aber wer ist denn, fragen wir, „der Leidende" tu ganz besonderem Sinne? Gr muß derjenige sein, der völlig unschuldig das Schwerste, das Bitterste gelitten hat. Das ist kein anderer, als der Herr Jesus Ghristus, der für uns den herben Kreuzestod geschmeckt hat, und in dem wahre Gottheit und Menschheit wunderbar sich einigen. Viele Tausende, auch viele Thristen, verstehen diese Verbindung der allerhöchsten Majestät und des tiefsten Glends in dem Herrn Ghristus nicht; der gekreuzigte Ghristus, ist, wie der Apostel Paulus sagt, den Juden ein Ärgernis und den Griechen (den in Weltweisheit versunkenen Menschen) eine Torheit; aber uns, die wir an Ihn glauben, ist Gr eine lebendige und mächtige Gotteskraft und wundervolle Weisheit. Schiller mag wohl diese Verbindung des Göttlichen und Menschlichen in dem Gottmenschen Zesus Ghristus ahnen, da „der Leidende" ihn: das Göttliche vor die Seele stellt. Seine Worte erinnern uns besonders an Hebräer (2, 2: „Lasset uns aufsehen auf Zesum, öett Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht und ist gesessen zur Rechten auf denr Stuhle Gottes!" 5. Aus der tiefsten Schmach des Gottessohnes ist der herrlichste Ostersieg hervorgegangen. Ghristus ist nun der Herrscher im Reiche der Herrlichkeit, der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude. Klingt es nicht wie eine Weissagung von solchen: Reiche der Herrlichkeit, wenn Schiller in dem Gedichte: „Die Worte des Wahns" in der letzten Strophe singt: „Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn, Und den himmlischen Glauben: bewahre! Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn, Gs ist dennoch das Schöne, das Wahre!"? Aber in noch herrlicherer Weise tritt uns die große Liegeshoffnung der Ghristenheit vor die Seele in den Worten des Apostels Paulus (. Kor. 2,9: „Das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben," oder in dem Lchlußverse des gewaltigen Liedes Philipp Nicolais: „Wachet auf, ruft uns die Stimme": „Kein Aug hat je gespürt, Kein Ohr hat je gehört Solche Freude. Drunt jauchzen wir Und singen dir das Hallelujah für und für". Zn den: prächtigen Gedicht „Der Graf von Habsburg", in dein Schiller von der Kaiserkrönung Rudolfs von Habsburg (2^. Okt. (275) singt, folgt auf die Frage des ehrwürdigen greisen Sängers: „Doch sage, was ist des Kaisers wert an seinem herrlichsten Feste?" die Antwort des Kaisers in der folgende:: Strophe: „Nicht gebieten werd' ich dem Sänger," spricht Der Herrscher mit lächelnden: Munde. „Gr steht in des größeren Herren Pflicht, Gr gehorcht der gebietenden Stunde. Wie in den Lüften der Sturmwind saust, Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust, Wie der Auell aus verborgenen Tiefen, So des Sängers Lied aus den: Znnern schallt". Dieser Vers erinnert an Zoh. 5,8. Zn: Dunkel der Nacht ist der jüdische Schriftgelehrte Nikodemus zu dem Herrn Jesus gekommen, um sich von Ihn: den rechten weg zum Leben zeigen zu lassen. Der Herr Zesus weist ihn auf die Notwendigkeit der Wiedergeburt aus den: Wasser und Geist hin. Den: an der Möglichkeit einer Wiedergeburt zweifelnden Schriftgelehrten erwidert der Herr Ghristus: „Laß dichs nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Zhr müsset von neuem geboren werden. Der Wind bläset, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus den: Geist geboren ist." Die Tatsächlichkeit der. neuen Geburt kann ein Mensch an sich erfahren, n:ag er auch von deren geheimnisvollen: Ursprung (ähnlich wie von den Gesetzen des Windes und des Wetters) keine oder nur eine unvollkonnnene Kenntnis haben. Gs ist sehr wohl möglich, daß Schiller diese köstliche Stelle aus dem Zohannes-Gvangeliun: vorgeschwebt hat.