Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 60 (1904)
- Issue
- 2 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2555087-2555089--10288-2566528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 von Gott verlassen seien, falls wir uns nur, wenn auch mit zitternder Hand, an ihn klammern. Die größte Seelennot ist überstanden. Nun gibt der Herr Zeugnis von der größten Leibesnot und ruft: „Mich dürstet!" So mußte in seiner größten Leibesnot der rufen, der einst zu seinen Jüngern sagte: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke." Wie die Seelennot aufs höchste gestiegen war, so sollte nun auch die Leibesnot ihren Höhepunkt erreichen, damit die Schrift erfüllt würde. Unter dies Wort will ich alle Kranken und Leidenden rufen, alle vom Fieber Durchglühten. Sehet, wie der Herr mit und für Luch leidet! Wenn der Herr uns heimsucht, wollen wir zum Kreuz aufblicken, denn durch seine Wunden sind wir geheilt, und durch seinen Durst ist uns ein Becher bereitet, aus dem uns Genesung der Seele, aus dem uns der Friede des ewigen Lebens fließt. Aber auch „die Leichtsinnigen und Unmäßigen, die in ihrem Übermut die Gaben Gottes mißbrauchen, möchte ich auf den Wann der Schmerzen Hinweisen. Sie sollen daran gedenken, wie ihr Heiland auch für sie die größte Leibesnot litt, und was es ihn gekostet hat, daß wir erlöst sind. Nun ist die Schrift erfüllt. Die Finsternis hat sich gelichtet. Die Sonne leuchtet wieder und wirft wieder ihre Strahlen aufs Kreuz. Da ruft der Herr das majestätische Siegeswort: „Ls ist vollbracht!" So lautet der Siegesruf des Gotteshelden, der Iubelruf des Lammes Gottes, das überwunden hat. Das Lösegeld ist bezahlt mit dem teuren Gottesblute. Vollbracht ist das Werk der Erlösung und Versöhnung der ganzen Menschheit. Seither sagen die Kinder Gottes: „Lhristi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott besteh'n, wenn ich zum Himmel werd'eingeh'n." Unter dies sechste Wort rufe ich Luch alle. Jesus hat alles vollbracht. Der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Nun will er allen feine Gerechtigkeit schenken. Darum weg mit aller Selbstgerechtigkeit, als ob wir's selbst vollbringen könnten! Weg mit allem Kleinglauben und Zweifel! Fürchte Dich nicht, glaube nur! „Nichts kann ich vor Gott ja bringen als nur Dich, mein höchstes Gut. Jesu, es muß mir gelingen durch Dein teures Opferblut. Die höchste Gerechtigkeit ist mir erworben, da Du bist am Stamme des Kreuzes gestorben. Da Hab' ich die Kleider des Heiles erlangt, darinnen mein Glaube in Ewigkeit prangt." Als unser Herr und Heiland gerufen hatte: „Es ist vollbracht", da fügte er frohlockend hinzu: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände " Es ist das Scheidewort des Friedefürsten. In Gethsemane schlug die Stunde, da er in die Hände der Sünder übergeben werden sollte. Jetzt, am Ende seiner Liebesarbeit, übergibt er seinen Geist in die Hände des Vaters. Da will er ruhen, während sein Leib im Grabe ruht, bis der Geist nach seinem siegreichen Besuch im Totenreich sich wieder mit dem verklärten Leibe vereinigt. Unter dies siebente Wort rufe ich alle Sterbenden, daß sie auch sprechen: „In Deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, Du treuer Gott." Unter dies siebente Wort wollen wir alle unsere Sterbebetten rücken und mit bebenden Lippen rufen: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!" Denn nichts ist auf Erden, was uns im Angesicht des Todes sterbensfreudig macht, als der Blick auf das Kreuz, der Blick auf ihn, der Sünde, Tod, Teufel und Hölle überwunden hat. Nach dem letzten Wort neigte der Herr das Haupt und verschied. Er gab sein Leben in den Tod, wie ihm der Vater hatte Macht gegeben, es zu lassen. Und wir wollen mit allen Propheten und Aposteln, mit der ganzen betenden Gemeinde auf Erden und den seligvollendeten Geistern im Himmel, mit allen Engeln, Eherubim und Seraphim, anbeten und sprechen: „Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob!" (Aus einer Karfreitagspredigt von j)fr. G. Mörike.) Johann Friedrich Wilhelm Stelle. Ein treuer Freund Israels schied im letzten Sommer aus unserer Mitte: P. Stolle in Köln. Die Leser der D. E. werden gerne etwas über seinen Lebensgang hören. Geboren am (. November (8^0 zu Jüterbog, stand er von Kindesbeinen an unter dem besten Einfluß. Seine Mutter war mit Bibel und Gesangbuch vertraut und sang viel mit ihren Kindern. Die Hausandachten regten einen jüdischen Hausgenossen zum Eintritt in die Kirche an. Derselbe wurde ein ernster, aufrichtiger Ehrist. Friedrich Stolle, neben sechsTöchtern der einzigeSohn des Hauses, besuchte zuerst die Bürgerschule in Jüterbog, später das Gymnasium in Wittenberg. Im Alter von (5 Jahren verlor er seinen Vater. Beide Eltern hatten gewünscht, daß ihr Sohn Theologie studieren möchte. Jetzt schien dies Ziel nicht mehr erreichbar zu sein. Indessen konnte der Jüngling doch auf dem Gymnasium bleiben. Er bestand (86( die Reifeprüfung und widmete sich hierauf in Halle, seit (863 in Berlin dem theologischen Studium. In Halle verkehrte er viel mit Professor Tholuck, dem Freunde der Iudenmission. Nachdem er eine Zeitlang Hauslehrer gewesen war, trat er (867 ins geistliche Amt ein. Er wurde Pfarrverweser zu Obersitzko. (868 erhielt er die Pfarrstelle zu Neubrück. Hier trat er (870 in die Ehe. In der Diaspora der Provinz Posen verlebte er glückliche Jahre. Als der Vorstand der Berliner Iudenmission die Pfarrer der Provinz aufforderte, eine Missionsreise durch dieselbe zu unternehmen, meldete Stolle sich als der einzige. Er war dann vier Wochen lang unterwegs und erhielt so eine gute Vorbereitung auf sein späteres Wirken. (877 folgte er einem Rufe des Rheinisch-