Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 60 (1904)
- Issue
- 2 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Volk, das ihn verworfen und fein Blut gefordert hat, über die ganze Menschheit, deren Schuldenlasten er trägt, ruft er: „Vater, vergib ihnen!" 0, wer etwas von Groll und Unversöhnlichkeit im Kerzen hat, der möge alles vergeben und vergessen beim Anblick dessen, der für seine Mörder bat, damit er nicht sich selbst von der Vergebung ausschließe, Mohl uns, daß wir einen Hohenpriester haben, der für uns um Vergebung bittet! Nach einer Meile sieht der Herr seine Mutter unter dem Areuz stehen und den jünger, den er lieb hatte. Da spricht er zu seiner Mutter: „Meid, siehe, das ist Dein Sohn", und zu Johannes: „Siehe, das ist Deine Mutter." Es ist der Sohn, der hier seiner Mutter gedenkt. Ihm, der schon während seines vorangegangenen Erdenwandels nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen konnte, ihm, dem seine übrigen Jünger entflohen, ihm sind nur seine Mutter und sein geliebter Johannes geblieben. Da vermacht er gleichsam testamentarisch die Mutter seinem Johannes und Johannes seiner Mutter. Mie teuer Johannes solches Vermächtnis achtet, das sehen wir an dem Mort: „Und von Stund' an nahm sie der Jünger zu sich." Menn ich frage: „Men hat der Herr mir zum heiligen Nachlaß vermacht?" so sagt er in seinem Mort: „Meine Brüder", hat er nicht selbst gefragt: „Mer sind meine Mutter und meine Brüder?" und dann im Areise seiner Jünger um sich gesehen und gesagt: „Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder, denn wer den Millen Gottes tut, der ist meine Mutter und mein Bruder und nleine Schwester"? Die Airche (Lhristi soll die Liebesgemeinschaft aller derer sein, die unter dem Areuze (Lhristi sich zusammensinden. Unter dies zweite Mort vom Areuz rufe ich aber insonderheit (Luch, Söhne und Töchter, daß Ihr sehet, wie der Herr seiner alternden Mutter gedenkt! O, wie manche sind, die Vater und Mutter nicht lieben, ihnen nicht gehorchen und des Mortes vergessen, daß Ainder den Eltern vergelten sollen, was diese ihnen einst getan haben, die nichts tun, um den Eltern ihren Lebensabend zu versüßen, und die vor lauter Arbeit fürs eigene Haus keine Zeit und Lust haben, für ihre allen Eltern zu sorgen. Bald darauf wendet sich der eine Mitgekreuzigte zu dem Herrn mit der Bitte: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!" Und der Herr wendet ihm sein Angesicht zu mit den Morten: „Mahrlich, ich sage Dir, heute wirst Du mit mir im Paradiese sein!" Dieser Schächer hat seine todeswürdige Sünde erkannt und zu dem unschuldigen Leidensgenossen Glauben gefaßt. Er bekennt vor den spottenden Ariegsknechten, vor den höhnenden Schriftgelehrten, vor den lästernden Obersten des Volks: „Mir sind billig darin, denn wir empfahen, was unsere Taten wert sind, dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt." Ja, er bekennt seinen Glauben an Jesus, den Aönig des Himmelreichs, indem er bittet: „Gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!" Er hat die Gewißheit, daß der Herr in der kürzesten Zeit die Herrschaft in seinem himmlischen Reiche antreten werde. Darauf wird ihm die Antwort zu teil: „Mahrlich, ich sage Dir, heute wirst Du mit mir im Paradiese sein." O süßes Mort vom Paradies auf dieser Schädelstätte I Unter dies Mort rufe ich alle Bußfertigen und Zerschlagenen, alle verlorenen Söhne und Töchter: „hier ist, was sie retten kann. Jesus nimmt die Sünder an." Drei kurze, aber inhaltsreiche Morte hat der Herr geredet. Es sind Morte des Hohenpriesters, des Menschensohnes, des Aönigs, dem das Himmelreich gehört. Da bricht in den Hellen Mittag tiefe Finsternis herein und kommt über das ganze Land. Die Sonne verliert ihren Schein, und auf Golgathas schauriger höhe lagert sich nächtlich s Dunkel. Da mag es stille geworden sein unter dem Areuze, unter der lärmenden und lästernden Menge. Stille war auch oben, denn während der dreistündigen Finsternis hören wir kein Mort aus dem Munde des Herrn, da die vier letzten Morte kurz vor seinem Scheiden gesprochen worden sind. Mas hier in den langen, bangen Stunden zwischen dem Vater und dem Sohne vorgegangen ist, das wird uns die Ewigkeit einmal offenbaren. Die Tiefe dessen, was sich in der schaurigen Stille begab, ahnen wir aber, wenn wir das vierte Mort hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Es zeigt uns die tiefste Seelenangst des Anechtes Gottes. Es ist der Schmerzensschrei des Lammes Gottes, das der Melt Sünde trägt. Es offenbart die Neige des Leidenskelches, den der Herr schon in Gethsemane an die Lippen gesetzt hat, und den er jetzt bis auf den letzten Tropfen trinkt. Von Gott verlassen sein, was ist das anders als die ^ual der Hölle, die Pein der Verlorenen? Ja, von Gott verlassen ist nun der, über dem die Stimme ertönte: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe", der sagen konnte: „Der Vater läßt mich nicht allein." Nicht mehr „Vater", sondern „Gott" ist der Anfang dieses Seufzers. Bis zur äußersten Grenze hat der Herr den Zorn Gottes über die Sünde geschmeckt. Aber zitternd, bebend hängt sich seine Seele dennoch an seinen Gott. Dennoch läßt er unter diesen Erlösungsqualen Gott nicht los. Dennoch spricht er: „Mein Gott". Als wahrhaftiger Gotteskämpfer hat er gesiegt. Warum aber dieser Aampf? O, es gibt keine andere Antwort auf Erden als die: „Daß wir nicht ewig von Gott verlassen werden." Unter dieses vierte Mort rufe ich daher Euch, Ihr Angefochtenen und Verzagten, denen das Gefühl der Gottesnähe entschwunden ist. Ihr sollt zum Areuz treten und sehen, wie die Strafe auf dem Mann der Schmerzen liegt, damit wir Frieden haben, daß Jesus an unserer Statt die Gottverlassenheit geschmeckt hat, damit wir ewiglich nicht