Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 59 (1903)
- Issue
- 4 (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2555092-2555096--10268-2566507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
28 Eins geht schon aus dem Vorigen klar hervor. XDir sehen, wie die ganze Reichsverkündigung ihren Ursprung hat in der Gewißheit vom Niesen und Wirken des heiligen und gnädigen Vatergottes, aber diese Gewißheit beruht wieder durchaus in dem Bewußtsein des Lohnes, der den Vater kennt. Diese Tatsache allein beweist, daß das Evangelium vom Reich unlösbar verbunden ist mit der Person dessen, der dies Evangelium verkündigt. Dazu muß aber noch eine andre Gedankenreihe treten. Wan würde nämlich Jesu Verkündigung falsch verstehen, wenn man darin nur eine Lehre, eine Unterweisung suchen wollte. Nein, sie ist viel mehr, sie ist selbst eine Heilstatsache, eine Tatsache derHeilsgeschichte, weil der, der sie bringt, in seiner Person und seinem Lebenswerke eine Tatsache der Heilsgeschichte ist. Das ist ja doch der Sinn seiner ersten Worte: Das Reich ist herbeigekommen. Das ist auch der Sinn jener predigt in Nazareth vom angenehmen Jahr des Herrn: heute ist diese Schrift erfüllt vor euern Ohren (Luk. % 2\). Warum sprach er von der Nähe des Reiches? Weil er die Herrlichkeit des Reiches in sich selbst trug. Warum sah er die Worte des Propheten erfüllt? Weil er wußte: Ich foll ihnen das bringen, worauf die Väter geharrt haben. Er pries feine Jünger selig, weil sie sahen und hörten, was andre zu sehen und zu hören sich gesehnt halten. Sic aber sahen und hörten ja nichts andres als ihn. Was er ihnen brachte, das war ja gewiß zuerst sein Wort. Dies streute er als einen Samen aus, um die Schlummernden zu wecken, die Sünder zur Buße zu rufen, die Trauernden zu trösten, den hungernden und Dürstenden den Weg ins Reich zu zeigen. Aber wer verbürgte die Wahrheit seines Wortes? Er selbst. Darum war Glaube an sein Wort nichts andres als Glaube an ihn. Dies läßt sich so wenig mit dem Glauben vergleichen, den man sonst Menschen schenkt, so wenig das Reich Gottes etwas ist von dieser Welt, und so gewiß es sich hier um das heil der Seele, das ewige Leben handelt. Bei Jesu soll man Ruhe für die Seele finden (Wat. y, 29). Ihn muß man mehr lieben als Vater und Mutter (Mat. (0, 37). Wer sich zu ihm bekennt, zu dem will er sich bekennen vor dem Vater (Wat. (0, 32). Das scheinbar Geringste, das in seinem Namen getan ist, hat Wert für die Ewigkeit (Wat. \0, ^0 ff.; \8, 5; 25, 5\ ff.). Er wird einst darüber richten, ob eines Menschen Leben zum ewigen Leben war oder zum ewigen Tode (Wat. 25, 3t ff.). Von hier aus werden erst die Worte ganz klar, in denen Jesus von dem Reiche als einem schon gegenwärtigen redet. Er sagt: Wenn ich durch den Geist Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen (Mat. \2, 28). Auf die Frage der Pharisäer, wann das Reich Gottes komme, antwortet er: Es kommt nicht mit äußerlichem Aufsehen; es ist schon mitten unter euch (Luk. \7, 20 f.). Das Reich, das Gott geben will, ist schon da, weil der da ist, der die Aräfte und Güter des Reiches in sich trägt, der das heil aufrichtet. Die wunderbare Tatsache, daß Jesus das Reich in sich gegenwärtig sah und doch in einem verkehrten, unreifen Geschlechts stand, so daß er, statt seine Gerechten als ein großes Volk zu sammeln, nur erst eine kleine Herde sammeln konnte, daß also das Reich als ein allmählich in die Menschheit hineinwachsendes erschien: diese Tatsache hat Jesus selbst als das Geheimnis des Gottesreiches bezeichnet (Wat. \5, U). Er hat sie aber in der Reihe der Himmelreichsgleichnisse von Wat. (3 besonders seinen Jüngern verständlich zu machen gesucht. Vom Meinen zum Großen, von: Geheimen zum Offenbaren, von innen nach außen: das ist entgegen allermenschlichen Erwartung der Gang des Reiches. Und noch etwas war gegen alle Erwartung, ja, es war wohl ein Geheimnis, das sich Jesu selbst erst durch die Führung des Vaters und aus der Schrift heraus (Ies. 53) als Notwendigkeit erschloß: daß nicht nur das Reich wie aus einem Samenkorn hervorwachsen solle, sondern daß er selbst wie das Samenkorn ersterben müsse, um viele Frucht zu bringen (Ioh. \2, 2^). Von Anfang an ist Jesus als der Sünderheiland ausgetreten. Er hat die Sündertaufe des Johannes auf sich genommen. Er hat auch, was die Pharisäer Lästerung nannten, Sündenvergebung zugesprochen. Er hat dies nicht getan, weil er die Reue der Menschen für die genügende Voraussetzung der Vergebung gehalten hätte, denn im Gericht wird ja wirkliche Gerechtigkeit gefordert, und bei den Menschen ist es daher unmöglich, daß einer gerettet werde (Wat. $, 25). Sondern Jesus hat solche Vergebung verkündigt in der Gewißheit, daß sein himmlischer Vater durch ihn das Reich aufrichten und durch ihn die Schuld der Menschen, die die Tür ins Reich verschloß, überwinden und tilgen werde. Als er dann erkannte, welchen schweren Weg er gehen müsse, da hat er's auch ausgesprochen, daß er sein Leben gebe zu einer Erlösung für viele (Wat. 20, 28), daß sein Blut vergossen werde für viele zur Vergebung der Sünden (Mat. 26, 28). Sein Gehorsam bis zum Tode sollte der Weg zur Rettung werden. Und er ist es geworden. Wir sehen also auch hier, wie in die Verkündigung vom Reiche Jesus selbst hineingehört, ja, wie das Reich nur ist in ihm und durch ihn. Er war nicht nur die Stimme eines Predigers, sondern er war der, der durch seinen Gehorsam den Seinen das Reich gewonnen hat. So verstehen wir auch, warum Paulus nicht in die Welt zog mit dem Rufe: Wir predigen euch das Reich, sondern: Wir predigen den gekreuzigten Ehristus.