Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 58 (1902)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1902-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Natur arg und Kinder des Zornes wären (Mat. 7, U; Eph. 2, 3). Die Wahrheit der allgemeinen biblischen Lehre vom radikalen Bösen hat auch der Begründer der kritischen Philosophie, Immanuel Kant, verteidigt. (Liner der größten Denker der Neuzeit, ja, aller Zeiten tritt also für die von jüdischer Leite beanstandete, ebenso echt jüdische wie echt christliche Betrachtungsweise ein. Sollte hierin nicht für unsere Gegner, von denen doch wohl keiner trotz aller seiner Geisteskräfte die Autorität eines Kant besitzt, die dringende Aufforderung zur Prüfung und Berichtigung ihrer Auffassung enthalten sein? Aber dem Israliten sollte schon sein Altes Testament als Führer dienen, der ihm aus der heidnischen, leider sogar ins jüdische Gebetbuch aufgenommenen Lehre von der Vorzüglichkeit der menschlichen Natur heraushilft. b) Das alte heilige Buch kann ihn auch von den: Wahn befreien, als ob der Mensch in eigener Kraft die nüt ihm geborene und ausgewachsene Sünde zu bezwingen vermöchte. Freiherr von Münchhausen zog sich, wie wir alle, ungeachtet seiner Beteuerung des Gegenteils, wissen, niemals am eigenen Schopf aus dem Sumpf heraus. Noch viel weniger ist es je einem Menschen möglich gewesen, selber sich dem Sündenverderben zu entreißen und seine Lache mit Gott wieder ins Reine zu bringen. Freilich, wäre die Lünde nicht das wilde Tier, wie es uns die Bibel kennen lehrt, sondern die leicht zu zähmende Hauskatze, mit welcher uns die Rationalisten aus der Beschneidung (ebenso wie die aus der Vorhaut) bekanntzumachen wünschen, dann wäre die Selbsterlösung wohl möglich: es genügten vielleicht der Entschluß, fortan das Böse zu meiden und das Gute zu üben, sowie das Gebet um Gottes verzeihende und unterstützende Gnade, besonders wenn es am großen jährlichen Versöhnungstage dargebracht würde. Allein wir haben schon gesehen, daß die rationalistische Denkweise mit dem Buch der Bücher sich nicht verträgt, daß sie von diesem gerichtet wird. Die Lünde aber, über die uns die Bibel, also die göttliche Offenbarung, unterweist, kann durch keine menschliche Leistung bezwungen werden (ps. 49,8—(0). Man erinnere sich noch einmal der Opfereinrichtung im alten Bunde. Ohne das Dazwischentreten des unschuldigen Tieres kommt es nach dem Urteil des Gesetzes nie zu einer Aussöhnung zwischen dem Gläubiger und dem Lchuldner, zwischen dem beleidigten Gott und dem menschlichen Beleidiger (3. Mose \7t \\). Aber auch für den neuen Bund kündigt das Alte Testament eine Erlösung der Lchuldigen durch ein unschuldiges Wesen, durch den vollkommenen Gottesknecht, den Messias, an (Ies. 33 u. a. 5t.). 6) In Jesu ist dieser Messias erschienen. Es verhält sich mit ihm nicht so, daß Menschen seinem Tode hinterdrein die besondere Bedeutung eines Sühnmittels gegeben hätten. Gott selber verlieh diesem Tode schon lange vor seinein Eintreten einen solchen Wert (Ies. 53; Dan. 9,24 - 27; Lach. J2, (0; 3(3, \ und 7). Vermöge seiner Einsicht in Gottes Absicht redete Jesus von dem neuen Wege zur Entschädigung und Wiederbelebung (Ioh. 3, (4 f.; Mat. 20,28; 26,28). In Jesu Schule, besonders nach seiner Auferstehung voll den Toten, lernten die Jünger Gottes Heilsralschluß kennen und anbeten, so daß sie nun auch ihrerseits von denr Priester zeugen konnten, welcher in seinem eigenen Leibe das vollkonlmene Opfer darbrachte und fo für das radikale Böse das radikale Heilmittel erfand (Apg. 3, (7—20; (- Petri 2, 24; Röm. % 25; 2. Kor. 5, (9-21; Lph. I 3—7; Offbg. 5, 9).. Die göttliche Natur des Messias erhob seinen Opfertod über jeden andern. Uni seiner göttlichen Natur willen brauchte sein Opfer nie wiederholt zu werden. Aber diese göttliche Natur machte es ihm auch möglich, als Priester für das ganze Menschengeschlecht einzutreten. Der Ritter Markus Kurtius und der Konsul publius Decius Mus opferten sich für das Wohl Roms, Arnold von Winkelried ging für die Freiheit der Schweiz in den Tod, und in jedem Kriege stirbt der echte Soldat freudig für sein Vaterland. Aber der Messias Jesus gab sich für alle Adamskinder hin, und allen kann fein Tod zu gut kommen. Ob ein Israelit diesen Priester verschmäht oder annimmt, ist seine Sache, ist der Entscheidung seines Gewissens zu überlassen. Wie er sich aber auch zu Jesu stelle: die Thatsache ist unwandelbar und unumstößlich, daß Iehovah selbst, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Moses, Davids und Iesaias, der Schöpfer des alten Lundes, seinen Messias, Iesum, zu einem Mittler ernannt hat, ohne welchen niemand ihm nahen darf (Apg. 4, ((f.; (. Tim. 2, 5 f.), Uns allen ruft Gott zu: „Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder Jesus mit euch" (vgl. (. Mose 45, 5). Drittens richtet sich der Angriff auf die Herrscherthätigkeit Jesu. Man beschuldigchffein Reich der Friedensstörung. a) In dieser Anklage liegt etwas Wahres. Wo das Evangelium zur Herrschaft ^gelangt, wird der faule Friede gestört. Das deutete Jesus selber mehrfach an (Mat. (0, 54—59; Luk. (4, 26 f.). So wenig sich das Licht mit der Finsternis, das Leben mit dem Tode verträgt, so wenig können Selbstsucht und Menschenvergötterung in einer Seele wohnen, über die Jesus sein Szepter ausstreckt. Seine Unterthanen haben beständig mit sich und andern einen heiligen Krieg zu führen. Wenn einzelne Thristen und sogar ganze Kirchengemeinschaften außer dem für diese Kriegsführung ihnen übergebenen Schwert des Geistes oder statt desselben weltliche Waffen gebraucht haben, wenn sie Glicht Lehrer (Mat. 28, (9), sondern Gewaltherrschergewesen sind, so ist dies als ein Abfall vonr echten Ehristentum zu bezeichnen. Unser hinnnlischer König kann auch für die Judenverfolgungen, die von