Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 58 (1902)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1902-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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20 frau feinem Bedenken unterliegen. Der Jesus des Neuen Testaments ist also der Messias des Alten, nicht ein mit heidnischen Farben hergestelltes Idealbild. Wenn sich bei den alten Griechen und Indern der Gedanke einer Gottmenschheit (einer Gottes- und Menschensohnschaft) findet, so erklärt sich derselbe aus einer göttlichen Ur-Offenbarung. Gin Denkmal der letzteren ist der Iubelruf, mit dem Eva ihren ersten Sohn begrüßte ([. Mose ch J(). Nicht ‘Kain, Buddha, Zoroaster, Perseus und Plato, wohl aber Jesus, der Bethlehemit und Nazarener, brachte die alte Verheißung in Erfüllung. 2. Das Werk Jesu Lhristi, welches die Inrche als ein dreifaches darstellt, erregt auf jüdischer Seite in aller: drei Beziehungen mehr oder weniger heftigen Widerspruch. Zunächst wird seine Lehrthätigkeit angegriffen. Sie soll im Vergleich mit dem Alten Testament einerseits nichts Neues enthalten, andererseits das Alte herabsetzen. a) Wieder beginnen wir mit einem Zugeständnis. In mancher Einsicht, mit Bezug auf Glauben und Handeln, lehrt Jesus, was schon Mose und die Propheten gelehrt haben. Z. B. fordert auch das Alte Testament Feindesliebe (2. Mose 25, Sprüche 25, 2\f.) und Fremdenliebe (3. Mose (3, 5<0. Aber diese Liebe zeigt noch Schranken. Ammoniter und Moabiter dürfen nie in die Gemeinde des HErrn ausgenommen werden (5. Mose 23, ^-7). Der Fremde ist nicht des Israeliten Bruder und kann daher zum Zinsen angehalteu werden (5. Mose \7, \5; 25, 20). Erst Jesus hat die Liebe entschränkt, indem er uns lehrte, in jeden: Menschen unfern Nächsten zu erkennen, dem wir in Liebe zu dienen haben (Luk. (0, 29 57). Jesus hebt so in gewissem Sinne die Volks-, Standes- und Geschlechtsunterschiede auf (Gal. 5, 28). Ist schon die von ihm aufgestellte Forderung der allgemeinen menschlichen Liebe, welche die Fürbitte für den Feind einschließt (Mat. 5, ^), etwas Neues, so bietet erst recht die predigt Jesu von der in ihn: erschienenen allgemeinen göttlichen Liebe etwas Neues dar. Die Männer des alten Bundes konnten nur von einer Zeit weissagen, in welcher der Stron: der israelitischen Volksgeschichte in das Meer der Geschichte der Menschheit münden sollte. Jesus aber durfte den Anbruch dieser Zeit verkündigen. I)) Der Schmetterling verläßt die Hülle, in die er sich einst als Raupe kleidete, wenn er lange genug als Puppe gelebt hat. Er genießt jetzt nicht mehr die derbe Rost, die er als Raupe einnahm, .sondern eine feine: den Saft der Blumenkelche. So wurden auch^alte Formen aufgegeben, als Israels größter Sohn, der Messias Jesus, erschienen war (Mat. 9, (6f.). Aber eine Herabsetzung des Alten liegt hierin keineswegs. Nicht Auflösung, sondern Erfüllung sollte nach Jesu eigenen Worten dem Gesetz und den Propheten widerfahren (Mat. 5, \7). \ Als der notwendige Durchgang zum Neuen ist das! Alte ehrwürdig (Vs. st)). Die Lehre Jesu schützt! das Alte gegenüber einer falschen Neuerungs sucht:! gegenüber der zur Zeit Jesu üblichen Gesetzes-! auslegung, die es rnöglich machte, den: Gebot der j Nächstenliebe die Forderung des Feindeshasses anzuhängen und die Vorschrift der Elternliebe in ihr Gegenteil zu verwandeln (Mat. 5, ^5; (5, 5-6). j Gelegentlich wird freilich hervorgehoben, daß die; mosaische Lehre einer Fort-, bezw. Rückbildung bedarf! (Mat. (9, 8f.; {2, 8; Mark. 2,27). Namentlich soll jetzt die in: Alten Testament keimartig vorhandene Versöhnungslehre zu ihrem Recht kommen: es sollen die blutigen Tieropfer aufgehoben werden (Mat. 9, (3; 20, 28: Ier. 5\t 5\—5^). Doch findet sich nirgends eine Spur von Verachtung und Verunglimpfung der alttestamentlichen Offenbarungsstufe. Auch hat Jesus die letzten Folgerungen aus jener notwendigen Reformation nicht gezogen, sondern dies dem Walten seines Geistes überlasten (vgl. Apg. (5;! Aol. 2, (6f.; Hebr. 7, \2; \Q, 9). Erst als Israel, das zuerst berufene Volk, sich mehr und n:ehr weigerte, in das Reich des Messias einzutreten, kam die Neuordnung zun: Abschluß. Das furchtbare Gericht des Jahres 70 führte die Scheidung herbei. Gott selber bezeugte es in dem Feuer, welches den Tempel zu Jerusalem vernichtete, daß die alten Formen der Gottesverehrung zerbrochen waren. Zweitens handelt es sich un: die priesterthätigkeit Jesu. Die Angreifer lassen weder die beiden Voraussetzungen, noch den Aufbau dieser Lehre gelten. Sie behaupten, es gebe keine allgemeine völlige Verderbnis der menschlichen Natur, kein Unvermögen zur Selbsterlösung, kein priesterliches Eintreten IEsu für die Menschheit. Wir halten die angefochtene Lehre nach allen drei Seiten aufrecht und erwidern auf die Angriffe folgendes: a) Es n:ag mit der Beseitigung des Opferwesens, dieses großartigen religiösen Anschauungsunterrichts, Zusammenhängen, daß sich die heidnische Vorstellung von der Sünde unter Israel wieder einbürgerte, nachdem Gesetz und Propheten sie verdrängt hatten. Nach dem ersten Buch Moses verfallen die ersten Menschen infolge der Übertretung des göttlichen Gebots, zu welcher eine böse Macht sie verführt hat, dem geistlichen Tode: einem unseligen Zustand, in den alle ihre Nachkommen hineingeraten (2, \7; % 7; 6, 5 u. 5; 8, 2\). In die Allgemeinheit dieses Verderbens läßt uns später z. B. der weise Salomo, in die Tiefe desselben besonders sein Vater,! David, hineinschauen (st Aön. 6, ^6; ps. 5(). U:n 1 dieses Verderbens willen, welches in seinen: Fortgang! wie einst in seinem Anfang eitle Feindschaft gegen! Gott darstellt, wurden Beschneidung, Opfer und! Priestertum eingeführt. Sie hätten keinen Sinn, 1 wenn nicht auch nach den: Alten Testament, :tm mit 1 dem Neuen Testament zu reden, alle Menschen von