Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 57 (1901)
- Issue
- 10 (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Man denke sich eine altertümliche, hochgebaute Stadt im fernen Morgenlande. Mauern, die von Türmen überragt und. von Thoren durchbrochen werden, umgeben sie. Aber die Stadt ist klein und daher die Zah! der Arieger, die sie verteidigen, gering. Nun wird diese kleine Stadt von einem großen f^eec belagert. Draußen, vor ihren Thoren, haben die Feinde eine Menge Zelte aufgeschlagen. Das schönste Zelt bewohnt der Oberbefehlshaber: ein Aönig, der über ein gewaltiges Reich herrscht, dem also auch unerschöpfliche Hilfsquellen zu Gebote stehen. Wahrlich, ihr bedürft des Heils, ihr Stadtbewohner. A)enn euch nicht ein Retter ersteht, dann werden eure Befestigungen den Wurfmaschinen der Feinde nicht mehr lange trotzen, dann wird es bald um eure Freiheit geschehen sein. — Ist die bedrängte Stadt, von der unser Schriftabschnitt handelt, nicht ein treffendes Bild des unter dem Fluch der Sünde schmachtenden Menschengeschlechts? Zn besonderm Maße heilsbedürftig war die Menschheit vor der Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleisch. Die Tiefblickenden erkannten ihre Unfreiheit. Sie bemerkten die bösen Mächte, die gegen uns anstürmen und uns zu verderben suchen. Sie wußten auch, daß die gewöhnliche Menschenkraft nicht imstande ist, solche Feinde abzuwehren. Heil konnten Babel und Egypten, Griechenland und RomLmit Aunst, Wissenschaft, Handel, Gewerbe, Rechtsordnung und Ariegswesen nicht bringen. Der Weiseste unter den Griechen sehnt sich nach einer rettenden Himmelsboischaft. Ebenso begehrt Israels zweiter Aönig eine von Gott ausgehende Erlösung (Ps. 7). Inmitten des auserwählten Volkes wird die Hoffnung laut: „Der HErr wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden" (Ps. (30,8). Aber die Gegenwart bleibt überall trübe. Und auch nach der Ankunft des großen Retters fehlte es nicht an Heilsbedürftigen. Noch immer sind solche vorhanden. Ich denke nicht nur an die Millionen, die außerhalb der Airche leben und sterben: auch innerhalb der letzteren giebt es Heilsbedürftigkeit. Teils steht mancher sog. Ehrist ganz unter der Herrschaft der Sünde. Teils wird auch der wirkliche Jünger IEfu an jedem Tage seines Lebens aufs neue von der Sünde angefochten. Wohl dem, der seinen Mangel empfindet und nach Beseitigung desselben trachtet I Vergegenwärtigen wir uns wieder die belagerte kleine Stadt! plötzlich tritt bei ihr ein völliger Umschwung der Dinge ein. Die Thore werden geöffnet. Die Einwohner wandern fröhlich ins Freie. Das Feldlager der Feinde, das sich soeben noch weithin ausdehnte, ist verschwunden, die Belagerung aufgehoben. Was ist geschehen? Haben die wenigen Truppen, über welche die Stadt verfügte, einen Ausfall unternommen und das feindliche Heer vernichtet? Nein, nicht Tapferkeit, sondern Weisheit hat die Belagerten befreit. Ein armer Weiser, der in der Stadt lebte, vereitelte durch seine Einsicht und Umsicht die Pläne der Belagerer und gab seinen Mitbürgern die Freiheit wieder. Vielleicht verfuhr er hierbei ebenso wie die weise Frau in Abel Beth Mascha, die Davids Feldherrn Ioab besiegte' (2. Sam. 20). Weisheit ist besser als Stärke und Harnisch. Sie