Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1901-01-01 · 3 (1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
57 (1901)
Issue
3 (1901)
Date
1901-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2555102-2555105--10114-2566338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 einsam gelebt habe wie hier. Zwar bin ich fast alle Abend in Gesellschaft, muß viel Musik machen und hören, lerne täglich neue Gestalten kennen, doch an Mitteilung fehlt es, und so bleibt das Beste verschwiegen. Ob mir das gut ist und hilft, wird die Folge zeigen; aber ich wollte, Du wärest hier. <£s würde sich mir das ganze Leben verwandeln. Fleißiger mag man wohl kaum fein, denn wirklich habe ich selten so viel und schnell gearbeitet wie hier; aber die rechte Freude daran hat man doch nur während der Arbeit, und nachher fehlt es einem gar zu sehr. 2. Januar (J830* seitdem ist das neue Jahr hergekommen; was es bringt, müssen wir mit Besorgnis abwarten. Der letzte und erste Tag waren mir wieder, wie immer, traurig und langweilig; ich war den Sylvesterabend in ein paar Gesellschaften (zuletzt bei Bendemanns) und mußte den Neujahrstag Visiten machen. Wie da die Leute sich begegnen und gedankenlos oder mit Witzen einander den ernstesten Wunsch, den es giebt, zurufen, wie sie gerade an dem Tag aller närrischen Zeremonie Thür und Thor öffnen, einander Karten schicken durch die Bedienten, wie bei alledem kein einziger daran zu denken scheint, welch' ein Feiertag eigentlich sei, wie sie am Sylvesteradend durch j)ossen, Trinken, Bleigießen die traurige Idee wegscheuchen wollen und nicht können, das ist mir fatal. Die beiden Tage sind recht wahre Bußtage; und man sollte sie ganz allein mit sich erleben und sich nicht vor den ernsten Gedanken fürchten und verkriechen. Ich legte mir meine fertigen Kompositionen aus dem letzten Zahre auf den Tisch, die Limfonie aus d-moll und die Hebriden-Ouvertüre war dabei, auch viele Kirchenmusik; und ich hatte die Freude, daß ich doch auch für das nächste Jahr vollauf zu thun im Kopfe hatte, so daß ich Dir manches Neue zeigen werde, wenn wir uns wiederfinden. Du glaubst nicht, wie ich mich sehne, etwas von Dir wieder zu komponieren; Du schriebst mir doch, daß Du schon alte Volkssagen läsest, um den Stoff zu finden. Ich habe bei Deinen Worten das eigne Gefühl, daß ich feine Musik zu machen brauche; es ist, als läse ich sie heraus, und als stände sie schon vor mir: und wenn bei andern Gedichten, namentlich von Goethe, die Worte sich von der Musik abwenden und sich allein behaupten wollen, so rufen Deine Gedichte nach dem Klang, und da kann der wahre nickt fehlen. Dies habe ich seitdem nur noch einmal in ebenso hohem Grade gefunden, und zwar sonderbarerweise, da ich für die Akademie etwas zu komponieren hatte, in den Liedern von Luther, die mir ein Bekannter in Wien schenkte und mit auf die Reise gab; ich bitte Dich, lies sie, oder wenn du sie nicht gesammelt bekommen kannst, so schlag' im Gesangbuch etwa folgende auf: „Mitten wir int Leben sind" oder ,,Aus tiefer Not" oder „Vom Himmel hoch, da komm ich her," „Ach, Gott vom Himmel, sieh," „Mit Fried' und Freud'", kurz alle. Wie da jedes Wort nach Musik ruft, eine jede Strophe ein anderes Stück ist, wie überall ein Fortschritt, eine Bewegung, ein Wachsen sich findet, das ist gar zu herrlich, und ich komponiere hier mitten in Rom sehr fleißig daran und betrachte mir das Kloster, wo er gewohnt hat und sich damals von dem tollen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.