Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1900-01-01 · 5 (1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
56 (1900)
Issue
5 (1900)
Date
1900-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2555115-2555120--10022-2566237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

56 an den Stätten der Arbeit und der Erholung. Sie giebt sich in rohen Reden und häßlichen Handlungen zu erkennen. Sie verrät sich auch schon durch freche, schamlose Geberden. Und nicht nur bei eigentlichen Sklaven der Sünde, die in ihrem ganzen Auftreten den Stempel derselben an sich tragen, erfüllt uns der Anblick der Ungerechtigkeit mit Schauder: oft entsetzen wir uns auch bei sogenannten Frommen über ein von Gottes Gesetz abweichendes Verhalten. Diese Leute wollen Söhne und Töchter des Allmächtigen, Unechte und Mägde des Erlösers fein. Wie verträgt sich mit solchem Anspruch die Ungerechtigkeit, die sie zur Schau tragen? Und auch da, wo sich die Sünde nicht hervordrängt, ist sie vorhanden. Ach, auch das beste Menschenleben ist vor Gottes Augen nicht makellos! Es ist ein fortgesetzter Uampf zwischen der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit, aber jene kommt nie zum völligen Siege. Die Sonne der Gerechtigkeit leuchtet uns in keinem Menschen entgegen. Nicht einmal ihr Mond zeigt sich in unfern Reihen, höchstens ein kleiner Stern, und diese Sternlein der Gerechtigkeit scheinen nur zu oft ihr Licht zu verlieren. Aber die Bibel weiß von einer Sonne, von einem, in welchem nicht nur einzelne Tugenden sich verkörpert haben, sondern die Gerechtigkeit leibhaftig erschienen ist. Vor neunzehnhundert fahren wanderte der eine, der kommen sollte, als ein göttlicher Fremdling durch die Welt der Ungerechten. JEsus hieß der, dem niemand ungerechte Worte oder Werke nachzuweisen vermochte, dessen ganzer Wandel ein Loblied auf die Gerechtigkeit war. Seine Füße betraten den Weg des Friedens, seine Hände vollbrachten Thaten zur Ehre Gottes, seine Lippen öffneten sich zu Gebeten und heiligen Bekenntnissen, und darum spiegelte sich in seinen Augen Gottes Wohlgefallen und des Himmels Seligkeit ab. Aber damals strahlte die Sonne nur in einen: beschränkten Areise. Erst seitdem JEsus auferstanden und in feine himmlische Heimat zurückgekehrt ist, wird der herrliche Sonnenkörper immer mehr Menschen sichtbar. Schon jetzt sehen ihn Millionen unter allen Himmelsstrichen, und endlich wird er der ganzen Welt erscheinen, allerorten Freude verbreiten und Jubelgesänge Hervorrufen. Denn die Sonnenstrahlen bringen das heil. Vielleicht klagt der eine oder andere, dem die Sonne der Gerechtigkeit gerühmt wird: „Für mich hat dies himmelslicht keinen Wert. Der Preis der sittlichen Hoheit des HEilands dient nur dazu, mich erst recht unglücklich zu machen. Vergleiche ich mich mit JEfu, so erschrecke ich über den ungeheuren Abstand. Er ist gerecht: ich bin es nicht, wenigstens nicht im vollen Wortsinn. Er ist aus dem Aampf mit der Sünde ohne Wunden hervorgegangen: bei mir ist das nicht der Fall; ich habe Wunden davongetragen, und viele wollen nicht vernarben, brechen vielmehr immer wieder auf und bluten immer aufs neue." And weiter hören wir klagen: „Ehristi schattenloser sittlicher Ruhm läßt mich nicht nur meine Sünde, sondern auch die mannigfache Not recht erkennen, in welche mich diese meine eigene Sünde und die Sünde anderer gestürzt haben. Ich kann mich des Gottessohnes nicht freuen. Es ist ein tiefes, dunkles Thränenthal, durch welches ich dahinschreiten nniß.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.