Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 55 (1899)
- Issue
- 8 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Kraft in sich spüren werde, in Gehorsam Gottes Willen zu thun, dem dann auch die noch recht mangelhaften Werke gefallen. Von der Notwendigkeit der Vergebung der Sünde am Anfang des sittlichen Lebens ist bei L. garnicht die Rede. Woher kommt denn die Gesinnung, die zum Gehorsam gegen das Gesetz führt? Da das sittliche Leben aus Gott kommt, so muß doch die Gesinnung, welche die menschliche Quelle der Gesetzlichkeit und damit des sittlichen Lebens ist, ein Ausfluß der Gnade Gottes fein. Die gesetzliche Gesinnung setzt also die Vergebung der Sünde voraus, es müßte denn fein, daß Israel derselben garnicht bedürfte. In der That scheint das nach Prof. L. so zu sein. Denn, so wird erklärt: „In der Ethik des Judentums findet das Böse keine Stelle, denn das Judentum kennt kein Prinzip und keinen Sitz des Bösen. So wenig die natürliche Welt unheilig ist, so wenig ist der natürliche Mensch oder die Natur des Menschen unheilig. Der Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, zwischen Fleisch und Geist ist dem Judentum fremd." Aber dies Judentum kennt seine Bibel nicht oder will sie nicht kennen. Es glaubt nicht mehr, was die Bibel klar bezeugt, daß das Böse in der Menschenwelt einen dämonischen Ursprung hat, durch einen Betrug des Feindes Gottes und der Menschen, des Satans, in die Welt gekommen ist, und daß seitdem die menschliche Natur unheilig, weil der Sünde und dem Tode verfallen, und darum das Dichten und Trachten des menschlichen perzens böse ist von Jugend auf. Dies Judentum glaubt der h. Schrift nicht mehr, daß das Böse in der Menschheit eine Wurzel ist, die immerfort wächst und wachsen muß, bis es zu seiner vollen Reife in der ganzen Menschheit, besonders auch in Israel, gekommen ist und damit das allgemeine Gericht Gottes auf sich und seine Anechte herabruft. Es glaubt nicht, was doch die Bibel auf allen Blättern der von ihr bezeugten Geschichte wieder und wieder verkündigt, daß die halsstarrige Art des Volkes Israel trotz aller Gerichte und Strafen Gottes immer wieder aufs neue gegen das Gesetz Gottes gefrevelt und damit bewiesen hat, daß die Behauptung, es liege in dem natürlichen Menschen kein Anreiz zum Bösen und kein Widerstreben gegen das von Gott gebotene Gute, aller menschlichen Erfahrung widerspricht. „Nitimur in vetitum“, so bekannten auch die Heiden. Und Israel, das eine solche Geschichte durchgemacht hat, und das noch unter dem Zorne Gottes über seine Sünde tatsächlich schmachtet, es sollte nicht mehr beten können, wie einst seine frommen Väter beteten: „Wir haben gesündigt, Unrecht gethan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von Deinen Geboten und Rechten gewichen. Wir gehorchten nicht Deinen Anechten, den Propheten, die in Deinem Namen unfern Königen, Fürsten, Vätern und allem Volk im Lande predigten. Wir liegen vor Dir mit unserm Gebet nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf Deine große Barmherzigkeit" (Dan. 9, 5 ff.)? Ein Judentum, in dessen Ethik das Böse keine Stelle findet, verleugnet sich selbst und seine heiligen Schriften und seinen Gott. Aber, Gott sei Dank, es bleibt eine Auswahl, dis nicht so denkt. Unter den Stürmen, die gerade jetzt über Israel er-