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Dibre Emeth · 1898-01-01 · 8 (1898) · page 2

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Journal
Dibre Emeth
Volume
55 (1899)
Issue
8 (1898)
Date
1898-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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58 im Einzelnen sich doch im Ganzen immer gleich geblieben sei inbetreff der ethischen Gedanken, die es regierten, „daß die Verschiedenheit der Zeiten weit zurücktrete hinter der siegreichen einheitlichen Fortbildung des Gesamtgeistes, welcher seinerseits wieder auf der ureigenen Fortbewegung der Grundgedanken selbst beruht." „Alles Zeitliche, Zufällige und Individuelle hat im Bereich jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung nur geringen Anteil an der Nkacht jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemüts und seinen ältesten, ursprünglichen Offenbarungen folgt." In der That hat der jüdische Volkscharakter sich in zwei Jahrtausenden fähig bewiesen, seine Art unter den verschiedensten Völkern, Lebenslagen und Denkweisen in ihrer Selbigkeit zu erhalten. Aber das Volk ist dabei nicht als das Israel nach dem Geiste seinen ihm in seinen ursprünglichen Offenbarungen gegebenen göttlichen Idealen gefolgt, sondern vielmehr als das Israel nach dem Fleische seiner natürlichen Entwicklung, durch welche die göttlichen Gedanken, Gebote, Verheißungen und Ideale ins Fleischlicheverkehrtjwurden. So hat es bei allem äußeren Bekenntnis zu den ursprünglichen göttlichen Offenbarungen (abgesehen von einer Auswahl) dem heiligen Geiste Gottes immer widerstrebt. Da fehlte ihm denn der junger und Durst nach Vergebung der Sünden, ohne welche das göttliche Leben der wahren Sittlichkeit nicht einkehren kann. Und als nun der kam, der dieses göttliche Leben bringen sollte, der Versöhner, der als das Lamm Gottes die Sünden der ganzen A)elt trug, da haben sie ihn in ihrer Selbstgerechtigkeit gekreuzigt und dadurch Gottes Gericht herausgefordert. Aber nicht nach dem innern Leben Israels und seinem daraus entspringenden Verhalten fragt Prof. L., sondern nach seinen Lehren über die Prinzipien und Gesinnungen der wahren Ethik, die im Volke als solche die Herrschaft hatten und noch haben. Und das scheint mir der Grundfehler seiner Darstellung ju sein. Denn nicht die Lehren, die in einem Volke gangbar sind, entscheiden über den Lharakter desselben, sondern sein inneres Leben und seine Thaten, die den schönen Lehren oft genug völlig widersprechen. So bleibt denn auch, was von L. über das Prinzip der Ethik gesagt wird, so anerkennungswert es ist, doch ohne allen wirklichen Einfluß auf die Ethik selbst. Da erhebt sich ihm zunächst die Frage: „Ist die jüdische Ethik ihrem Prinzip nach autonom oder Heteronom?" Dem, was L. darüber sagt, läßt sich schwerlich etwas Triftiges entgegenhalten. Nach ihm ist das sittliche Leben ein Leben der Liebe aus Gott zu Gott, das in Gott ebenso sein Ziel und seinen Lohn, wie seine Quelle hat. Es ist daher, weil zugleich göttliches und menschliches Leben, ebensowohl Heteronom als autonom. In der That ist ja die bloße Heteronomie, wie sie z. B. ein Wilhelm von Occam lehrte, aus einem falschverstandenen Interesse für die religiöse und kirchliche Autorität und die Autonomie des Aant'schen kategorischen Imperativs aus einem falschverstandenen Interesse für die menschliche Freiheit hervorgegangen. Durch erstere sollte aller Zweifel an dem von der Airche verkündeten, oft rätselhaft, ja, unvernünftig erscheinenden Willen Gottes niedergeschlagen werden.

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