Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 55 (1899)
- Issue
- 4 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 seine Eigenart fjat, daß sich also bei der Beschreibung derselben Ereignisse Unterschiede zeigen, wenn wir die eine Schrift mit der andern vergleichen. Das ist ja in allen solchen Fällen ebenso. Man veranlasse vier verschiedene Personen, etwa einen Gelehrten, einen Aünstler, einen Kaufmann und einen Handwerker, zur Abfassung einer dieselbe Person betreffenden Lebensbeschreibung, so wird aus jeder Feder ein besonderes Werk hervorgehen. Aber derartige Unterschiede sind nicht ohne weiteres als Widersprüche anzufehen. Wie in dem soeben angeführten Falle alle vier Lebensbilder zusammen ein Bild des wirklich gelebten Lebens entrollen, so vereinigen sich die vier. Evangelien aufs schönste zu einer ergreifenden Erzählung von dem größten Melden der Weltgeschichte. Daß diese Erzählung in der Hauptsache lückenlos ist, dafür bürgt uns die nahe Beziehung der Erzähler zu IEfu. Die Evangelisten gleichen nichts wie Renan meint, Grenadieren Napoleons I., die von diesem zwar anschauliche, aber doch nur verworrene und lückenhafte Berichte geben können, sondern dem in alles eingeweihten Generalstab des großen Feldherrn. 3. Als ein Gewebe von Zrrtümern erweist sich Renans Leben ZEfu besonders noch deshalb, weil die Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit seiner religiösen und sittlichen Vorstellungen es ihm unmöglich macht, den erhabenen Eharakter des geschichtlichen ZEsus zu würdigen. Er zeichnet ein Zerrbild, dem alle Erhabenheit abgeht. Von einer strengen, geschlossenen Einheitlichkeit des Denkens und Handelns, die Bewunderung abnötigt, ist bei diesem Romanhelden nichts zu merken. Einerseits preist der Schriftsteller ZEfum als einen Menschen von ungeheuren Dimensionen und seine Religion als die absolute. Zm ganzen weiten Umfang der Weltgeschichte wurde nach Renan kein gleich schweres Verbrechen begangen wie bei der Tötung ZEfu. Anderseits stellt er den, neben welchem es nach ihm keinen Größeren giebt, als einen Schwärmer und Fanatiker hin, der sich vom großen Kaufen beherrschen läßt und als Betrüger und Empörer ein von ihm selbst verschuldetes Ende findet. Durch die von mehr als 500 Zeugen beglaubigte Ostergefchichte wird ein dicker Strich gezogen: die Auferstehung des Gekreuzigten soll aus einer Halluzination beruhen. Wahrlich, hier ist eine Umkehrung des Wortes am Platz: ,,Du gleichst dem Geist, den du begreifst." Renan begreift nur einen Geist, der ebenso widerspruchsvoll, ebenso leicht und seicht ist wie sein eigener. Schon als Kunstwerk verdient sein Buch ein Verwerfungsurteil. Vollends aber fordert es als Geschichtswerk unfern Zorn heraus, Hätte die Kirchengeschichte so begonnen, wie der Franzose es uns glauben machen will, so wäre sie schon längst zu Ende. Die sittliche Fäulnis, die er uns nach pariser Vorbildern schildert und mit echter Zesuitenmoral entschuldigt, kann umöglich als die Entstehungsursache der Heiligungskräfte gelten, welche das Ehristentum feit $00 Zähren entfaltet. Es heißt, aller wahren Geschichtsschreibung Hohn sprechen, wenn man verbürgte Angaben mit frei erfundenen Annahmen vertauscht, wenn man die vielleicht unbequeme Wahrheit totschlägt, um einer Lüge