Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 55 (1899)
- Issue
- 1 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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würde aber daraus folgen, daß wir in solchen Seelen ein hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit zu wecken verpflichtet wären. Aber nach den Juden, die wir kennen, dürfen wir das Volk nicht beurteilen. In ferne Länder müssen wir gehen, um ganze Gemeinden aufrichtig frommer Juden zu finden. Willst du die Schuld auf die Juden schieben, daß sie so irdisch gesinnt seien? Sind denn die Christen besser? Haben wir aus unferm Kerzen irdischen Sinn, Hochmut, Herrschsucht abgethan? Die ungläubige Iudenschaft klagt uns alle an, daß wir unsere Pflicht versäumt haben. Die Erlöserkirche zu Jerusalem ist nur eine ganz winzige Abtragung von der Schuld, welche auf uns den Juden gegenüber lastet. Wir haben nur allzu sehr vergessen, daß das Heil von den Juden kommt. Wir haben vergessen, für die Juden und ihr Heil zu beten, ihnen ein christliches Vorbild zu geben. Daß doch unsere Aufforderung und unser Wunsch lebhaften Widerhall in der Christenheit fände I" Wie Aufforderung und Wunsch ein gewisses Ziel haben, wird im Anschluß an den häufigen Cinwand, daß die Iudenmission vergeblich sei, besprochen. Betreffs mancher Bedenken giebt B. zu, daß sie ein Aörnlein Wahrheit enthalten. „Aber es ist doch auch wahr, daß viele sich empfänglich für das Evangelium zeigen. Schwer genug ist das Werk der Iudenmission, aber es lohnt. Ein schweres Werk ist ja auch die Bekehrung eines Christenmenschen, der so heißt, manchmal sogar noch schwerer als die Arbeit an Iudenseelen. Dennoch hören wir nicht auf und predigen ohne Ermüden. So haben es die Apostel allezeit gehalten. Auch wo keine Aussicht auf Erfolg schien, haben sie in des HErrn Namen gethan, was ihnen aufgetragen war. Schon in der ersten christlichen Gemeinde war der Verwunderung über die ungläubigen Juden nicht wenig. Da alle Predigt vergeblich schien, wurden viele Christen irre und fragten: Wenn selbst Israel den HEiland nicht erkennt, wo bleibt dann Gottes heiliger Ratschluß? Darauf verheißt Paulus: Das ganze Israel soll selig werden. Auch über der Iudenmission steht: Wissel, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem HErrn! Ist das nicht ein gewisses Ziel unserer Aufforderung und unseres Wunsches? Müssen wir uns einst nicht schämen, daß wir bisher unferm Gott so wenig zugetraut haben? Vielleicht kannten wir jene Sonderverheißung für Israel nicht? Oder haben wir sie nicht ernst genommen? Haben wir gemeint, sie mit menschlichen Auslegungskünsten einschränken zu sollen? Es bleibt doch dabei: Israel wird in Ewigkeit nicht verstoßen, auch Israel soll das Evangelium erlernen und das Heil Christi erlangen. Dauert's lange mit der Bekehrung Israels, so ist die Schuld der Christenheit größer als Israels Schuld. Hunderte, ja, Tausende werden morgen in der uralten heiligen Israelsstadt die Erlöserkirche weihen. Ach, daß die Liebe zu Israel und zum heiligen Lande, die Liebe zu den verlorenen Iudenseelen dadurch gestärkt, die Arbeit der Iudenmissionen gefördert, Gottes heiliges Gnadenwerk vorwärts gebracht würde!"