Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 54 (1898)
- Issue
- 12 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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93 das entsetzliche Los dessen, der vom Wege der Gerechtigkeit abweicht, ergreifender darstellt als Shakespeares Macbeth. Nirgends wird wohl auch erschütternder das äußere Gericht geschildert, welches den Frevler treffen kann. Auf die beiden Kriegsgeschichten der Vergangenheit lassen wir eine Friedensgeschichte folgen, die sich in der Gegenwart alljährlich zuträgt. Nicht nur einzelne, sondern zahllose Wälder verlassen in dieser Zeit des Jahres ihren Standort und ziehen in geringere oder größere Ferne. Ist es nur die Naturfreude, welche diese Wanderungen veranlaßt? Besuchen die grünen Bäume im Winter uns, wie wir im Sommer zu ihnen hinausgehen? Nein, diese wandelnden Wälder haben eine höhere Bedeutung. Sie dienen zur Verherrlichung der Geburt Lhristi. Sie sind für uns deutsche Lhristen fast unentbehrliche Begleiter des Weihnachtsfestes. Die Thatsache, welche dies Fest verkündigt, ist über allen Zweifel erhaben. Dagegen läßt sich der Tag, an welchem der Erlöser in der Welt erschien, nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich wurde IEsus im Januar des Jahres geboren, in welchem Merodes der Große starb. Deshalb feierte die älteste Kirche seine Geburt am 6. Januar. Später, im Jahrhundert, wurde unser Weihnachtsfest als ein Fest der wahren Dezemberfreiheit eingeführt. Die heilige Freude über die Geburt dessen, der nicht nur die Weissagungen der israelitischen Propheten, sondern auch das Heilsverlangen der Heiden erfüllt, sollte die ausgelassene, zügellose fleischliche Lust bannen, welche sich in jedem Dezembermonat bei der römischen Saturnalienfeier kundgab. Da man am Schluß der Saturnalien, bei den sogenannten Sigillarien, Kinder mit Puppen und anderen Spielsachen beschenkte, so wurde auch das Weihnachtsfestzu Bescherungen verwandt. Seine Lichterfülle verdankt es vielleicht der nach Rom verpflanzten altpersischen Mithrasfeier oder dem jüdischen Thanukkafest. Aber der Weihnachtsbaum ist ein Überbleibsel des altgermanischen Iulfestes. An diesem Feste hängte man nicht nur Mistelbüsche als Sinnbilder des Wachstums irgendwo innerhalb der Däuser auf: man stellte auch z. B. in Schweden Tannen und Fichten vor die Hausthüren. Diese Bäume wurden mit Äpfeln und Nüssen geschmückt und sollten dem in den \2 Wynächten (vom 25. Dezember bis zum 6. Januar) unter den Menschen umherwandelnden Wuotan oder Odin einen Willkommensgruß entbieten. Der Nadelbaum ist in vielen Fällen ein Todesbaum. Bei den alten Römern zeigte eine vor dem Hause aufgestellte Fichte an, daß sich in demselben eine Leiche befand. Fichtenzweige gab man den Toten auf den Scheiterhaufen mit. In Deutschland und in Rußland findet sich noch jetzt die Sitte, daß bei einer Beerdigung der Sarg, der Weg zum Friedhof und die Gruft mit Fichtenreisern bestreut werden. Aber am Iulfest hatten Tanne und Fichte ebenso wie die Mistel die Bestimmung, das Leben abzubilden, welches in der Wintersonnenwende dem kalten Tode zu erliegen scheint, allein vergeblich von ihm gebunden wird, da es sich aus der tiefsten Erniedrigung sieghuft wieder emporringt. Der christlichen Airche boten sich hier