Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 54 (1898)
- Issue
- 12 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Das englische Heer hatte die Aufgabe, Prinz Malcolm, den Lohn des von dem Usurpator Macbeth ermordeten Königs Duncan, auf den Thron zu setzen. Macbeth war einst einer der besten Löhne seines Landes. Mit tapferem Arm bezwang er die norwegischen Eroberer. Da entzündet die Ehre, die ihm widerfährt, die Flamme des Ehrgeizes. Den bösen Einflüsterungen vermag er auf die Dauer nicht zu widerstehen. Er weiß recht wohl, daß etwas nicht abgethan ist, wenn es gethan ist. Aber schließlich müssen alle edleren Regungen in seiner Leele verstummen. Von der entweibten, aller weichen Gefühle baaren Gattin umgarnt, vollbringt er die entsetzliche That, deren ganze Furchtbarkeit das von Schiller eingeschobene, wundervolle Wächterlied in seinem tiefen Gegensatz ans Licht fetzt. Und die erste böse That erzeugt weitere. Banko, der Kriegskamerad, folgt als Opfer von Macbeths Argwohn seinem Könige ins Grab. Selbst der Gemahlin und der Kinder Macduffs, des dem Tyrannen ungehorsamen Edelmanns, schont die wilde Blutgier nicht. Aber jetzt ist die Stunde der Abrechnung gekommen. J(0 000 Gerichtsboten rücken gegen die Feste vor, in der Macbeth sich für geborgen hält. Dieser soll die Zahl der Krieger nicht eher erfahren, als bis er die Kenntnis derselben nicht mehr zu seinem Vorteil verwenden kann. Darum hat der englische Feldherr beim passieren des Waldes von Birnam angeordnet, daß jeder Soldat sich einen Ast abhauen und ihn vor sich her tragen solle. Bald ist der Wald vor Dunsinan angelangt, wo inzwischen sein Nahen Schrecken verbreitet hat. König Macbeth will der Botschaft von dem wandelnden Walde zuerst keinen Glauben schenken. An jenem Tage, als ihm unter zauberischer Einwirkung die Zukunft erschlossen wurde, erschienen ihm ein bewaffnetes Haupt, ein blutiges Kind und zuletzt ein gekröntes Kind mit einem Baumzweig. Das letztere weissagte ihm die Erhaltung oder Dauer seines Glückes bis zu dem Zeitpunkt, wo Birnams Wald auf Dunsinan heranrücken werde. Macbeth hatte es für ausgemacht gehalten, daß diese Begebenheit nie eintreten könne. Um so größer ist jetzt seine Bestürzung. Ihm entweicht der Mut, zumal da außerdem die Königin gerade jetzt als Selbstmörderin endet. Und noch einen weiteren Doppelsinn des Teufels erfährt der Unselige. Auch sein zweiter Trostgrund, daß niemand, den ein Weib gebar, ihn Löten könne, bricht zusammen. Auch dieser hat ihn irregeführt. Zn dem Kampf, der beginnt, nachdem die Kriegsleute vor der Festung ihre grünen Schilde weggeworfen haben, fällt Macbeth unter den Schwertschlägen Macduffs. Die Gewaltherrschaft endet, die gute Sache triumphiert, und der rechtmäßige Erbe, Prinz Malcolm, besteigt den Thron. Man reiche dem Teufel den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Man lasse ihm die Hand, so gewinnt er den ganzen Menschen. Die Folge ist dann bald, daß uns der Schlamm manneshoch umgiebt, von welchem einer der Angeklagten in dem großen Berliner Prozeß der letzten Wochen des Zahres redete. Es giebt wohl kein Seelengemälde, welches die Angst des bösen Gewissens,