Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 54 (1898)
- Issue
- 9 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 länger zum Unglauben verleiten! Leine Gründe gegen den Glauben sind nur Scheingründe. Dieser ruht auf ewigen, unumstößlichen Wahrheiten, welche sich dem offenen Sinn als solche machtvoll erweisen und so Gegenstände der persönlichen Erfahrung werden. Aus der Zegensgeschichle des evangelischen Kirchenliedes. Gin berühmter Arzt der Gegenwart, der Geheime Medizinalrat Professor Dr. H. Fischer in Berlin, erklärte bei einer Jahresversammlung der Berliner Stadtmission: „Nichts trifft das Herz so sicher in Unglück und Schmerz, in Arankheit und Not, wie das Airchenlied, das gereimte, leicht faßlich ausgelegte Gotteswort, und wer sein Airchenlied recht kennt und an seine trostreichen Verheißungen kindlich glaubt, der kann nicht mehr unglücklich werden, auch in Arankheit und im Tode nicht." Bei dieser Gelegenheit teilte er Selbsterlebtes aus der Geschichte des Airchenliedes mit. „Wenn wir," so erzählte er, „als Ainder auf dem großen pfarrhof spielten, hörten wir plötzlich eine mächtige Stimme unten im Dorf die schönen alten Thoräle, besonders „Was Gott thut, das ist wohlgethan" und „Besteh! du deine Wege," von Anfang bis zu Ende und einen nach dem anderen singen. Das that ein armer Leineweber, der lange, qualvolle Jahre gelähmt auf seinem harten, einsamen Lager zubrachte, zur Linderung seiner Schmerzen und zum Trost in seiner Einsamkeit. So habe ich ihn noch immer leiser singen hören, als ich Student war. Dann erst war sein Meister da und rief den fröhlichen Sänger und siechen Mann aus tiefem Arankheitsweh zu der Herrlichkeit ab, die er den Seinen bereitet hat." Der Schauplatz des zweiten Erlebnisses war Breslau. „Ein ^jähriger Junge war von seinem nichtswürdigen Stiefvater so gezüchtigt worden, daß er sich in der chirurgischen Alinik Hilfe holen mußte. Dabei berichtete er uns, daß ihn sein Stiefvater in eine starkbesuchte Andacht des evangelischen Vereinshauses geschickt habe, damit er den frommen Leuten die Taschen leere. Sie hätten aber da so schön „Lobe den HErren, den mächtigen Aönig der Ehren," gesungen, und das sei sein Lieblingslied in der Schule gewesen. Er habe also mitgesungen und seinen schlimmen Auftrag ganz vergessen." Auch die dritte Erzählung führte die Zuhörer nach Breslau. Dorthin kam „ein alter, in den Ruhestand versetzter Pfarrer." „Arank und einsam, nur von einer entfernten Verwandten gepflegt, hatte er seine stille Dorfpfarre mit einer kleinen Stadtwohnung vertauscht. „Ach," sagte er zu mir, „halten Sie mich mit Ihrer Aunst nicht auf! Ich habe Heimweh und will nach Hause." Am Weihnachtsmorgen erzählte er mir: „Ich habe eine köstliche Nacht gehabt, obwohl ich nicht geschlafen habe. Der Himmel war offen, die Engel stiegen auf und nieder, um das kündlich große Geheimnis zu sehen, und das alles habe ich mit eigenen Augen erblickt." Am Ostermorgen grüßte er mich: „Der HErr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Ich habe ihn im Garten Josephs wandeln sehen." Aurz vor