Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 54 (1898)
- Issue
- 9 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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67 gebäude predigt I Wie majestätisch steht der vor uns, den wir uns als den Urheber alles Bestehenden, als die Endursache zu denken haben, aus welcher alle diese Wirkungen hervorgegangen sind! Sogar bei Darwins Abstammungslehre bleibt die Forderung der göttlichen Endursache bestehen. Urstoff und Urkraft können ebensowenig wie die Gesamtheit der Atome oder wie das Unbewußte der Anfang der Welt sein. Ein denkender Urgeist muß die letztere geschaffen haben. Auf ihn, auf sein besonderes Eingreifen, nicht auf den Zufall, ist aber auch das mit Vernunft und Gewissen begabte menschliche Geisteswesen zurückzuführen. Wenden wir uns vom Weltbestand zur Weltordnung, so zeugt auch sie von Gottes Dasein. Hier haben wir es mit dem teleologischen Beweis zu thun. Derselbe kann 2 Fassungen erhalten. Zwecke beherrschen die ganze Natur. Das Niedere muß dem höheren, das Einzelne dem Ganzen dienen und umgekehrt. Die Harmonie in der Natur weist auf ein harmonisches Denken, die Ordnung auf einen Ordner, das Maß auf einen Rechner hin. Weisheits- und geheimnisvoll sind die Stellung der Erde zur Sonne, der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, die Regenwolke, der Ackerboden. Von den Geheimnissen des letzteren erklärte der berühmte Themiker Liebig, daß sie geeignet seien, alle Menschenweisheit verstummen zu machen. Unser Staunen erregt weiter in jedem Fluß und See die Wanderung des Wassers von der Oberfläche in die Tiefe, durch welche dieser das warme, jener, also auch der Sonne, das kalte Wasser zugeführt wird; im Ozean die Warmwasserheizung des Golfstroms, welcher die nach den heißen Gegenden gehendeAaltwafferleitungentspricht; im menschlichen Leibe das Nervensystem, der Blutumlauf, das Auge. Wenn die Naturforschung nicht immer und überall Zwecke entdeckt, so erinnere man sich daran, daß ihre Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist und noch höhere Stufen erreichen kann, auf denen sie das angeblich Unzweckmäßige doch noch als etwas Zweckmäßiges betrachten lernt. Jedenfalls ist manches im Großen zweckmäßig, was uns im Meinen als unzweckmäßig erscheint. Außerdem weiß der Ehrist ebenso wie der Israelit, daß die menschliche Sünde und ihr Fluch viele vorhandenen Zwecke vereiteln und überhaupt die schöne Naturordnung zerstören. Der Naturforscher, der sich der ihm gezogenen Grenzen bewußt bleibt, stimmt freudig ein in den Lobpreis des Allweisen, der in seiner Schöpfung alles aufs beste eingerichtet hat. „Ich bin durch die Naturwissenschaft aus einem Atheisten zu einem Orthodoxen gemacht worden," bekannte im September ein Berliner Naturforscher, Dr. Jordan. Wie in der Natur, so sind in der Geschichte der Menschen Zwecke zu erkennen. Neben der natürlichen giebt es eine sittliche Weltordnung als Kundgebung des höchsten Geistes vor seinen vornehmsten Geschöpfen. „Das ist Gottes Finger!" ruft man unwillkürlich aus, wenn man an sich selbst oder andern den Lohn der Rechtschaffenheit, die Strafe des Frevels wahrnimmt. Einer meiner Freunde, ein Israelit, wurde, wie er mir erzählte, einst auf der Straße von dem Anblick eines durch eigene Verschuldung zu Grunde gerichteten Mannes so ergriffen,