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Dibre Emeth · 1898-01-01 · 9 (1898) · page 2

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Journal
Dibre Emeth
Volume
54 (1898)
Issue
9 (1898)
Date
1898-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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66 entwickelte Menschheit." Auf die in uns wohnende unmittelbare Gewißheit von Gottes Dasein geht der sogenannte ontologische Beweis Anselms von Tanterbury zurück. Aant griff den letzteren mit Recht an: Anselms Fassung ist nicht aufrecht zu erhalten. Aber in der von Eartesius gebrauchten Grundform ist die Sache unanfechtbar. Aus dem Menschen selbst und aus der ihn umgebenden Welt kann der besprochene Gottesglaube nicht stammen, da beide weniger besagen. Gott muß ihn in uns hineingelegt haben. Gott bezeugt sich weiter in unserm Willen. Es ist nicht minder eine Thatsache des menschlichen Seelenlebens, daß wir ein sittliches Gesetz in uns tragen, ein Wissen um das Gute und das Böse, welches uns zum Guten antreibt und vom Bösen abhält, einen geheimnisvollen Führer, welchem wir uns nicht ohne weiteres entziehen können. Aant nannte diese innere Stimme wegen ihrer zwingenden Gewalt den kategorischen Imperativ. Wo ist der Imperator, der so imperativisch zu uns redet? Warum wird es dem noch nicht ganz entarteten Menschen schwer, in Widerspruch mit seinem Gewissen zu leben? Wer auf die Erziehung oder Gewöhnung durch andere Menschen hinweist, schiebt die Beantwortung dieser Fragen nur auf. Woher hatten denn die andern die Achtung vor dem innern Gesetz? Befriedigen kann nur die Annahme, daß auch jener machtvolle Willensantrieb das Dasein des allmächtigen HErrn der Welt bekundet. „ Gott naht uns endlich in unfern seelischen Empfindungen. Die Übereinstimmung des äußern Lebens mit dem innern erregt unsere Genugthuung, das Gegenteil unser Mißbehagen. Da der Tod eine Überwindung der Gegensätze vielfach unmöglich macht, sehen wir uns dazu genötigt, an ihre Schlichtung in einer andern Welt zu glauben. Aus dem innern Gefühl für Recht und Unrecht einerseits, für Segen und Fluch anderseits erwächst der moralische Beweis für Gottes Dasein. f}ier ist der große Philosoph Aant noch einmal zu nennen. Ihm erschien dieser Beweis besonders wertvoll. Auch die soeben beschriebene Thatsache des Seelenlebens, welche uns den göttlichen Gesetzgeber als Vergelter vorführt, weist über uns selbst hinaus. Sie erklärt, sich als eine Wirkung der höchsten Ursache. Weil Gott dem Guten Glückseligkeit verheißt und mitteilt und dies uns offenbart, fordern wir sie für den Guten, während wir sie dem Bösen absprechen. Den Glauben an Gott drängt uns ferner der ganze Weltbestand auf, der Makrokosmos, in welchem der Mikrokosmos lebt, das große Gebäude, dessen vornehmster Bewohner der Mensch ist. So erhalten wir den kosmoslogischen Beweis. Leibnitz urteilte, daß in der Welt kein zureichender Grund für das Dasein der Welt vorliege. Schon Aristoteles und Diodor von Tarsus hielten das Dasein der Welt für ein Zeugnis von dem Dasein Gottes. Aus dem Spinnengewebe schließen wir auf die Spinne, aus der Honigwabe auf die Biene, aus dem Nest auf den Vogel. Je größer das Werk ist, desto größer muß sein Meister sein. Paläste, Meerdämme, Brücken, Tunnels, Pyramiden und andere großartige Bauten lehren uns die Geisteskraft ihrer Erbauer bewundern. Wie erhaben muß aber erst der Baumeister sein, von dem das Welten-

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