Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 53 (1897)
- Issue
- Heft 11
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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87 ich noch niemals in meinem Leben die Nähe meines Heilandes inniger gefühlt als in diesem seinem Advent. Noch niemals habe ich seine Kraft an mir schwachem Menschen so merklich erfahren wie in jenen Stunden, in welchen meine geliebten Söhne, einer nach dem andern, im Todeskampf die erkaltenden brande nach mir ausstreckten, wie in jener Stunde, da ich Abschied nehmen mußte auch von dem Teuersten, das ich auf Erden besaß, von meinem Weib, war ich dem sinkenden Petrus gleich: JEsu Hand hat mich gehalten. Der HErr war nahe." Gin Gottesleugnerder Jahre lang das Land durchzog, um Vorträge über den Atheismus zu halten, sagte eines Tages, als er in dem Saal einer kleinen Stadt eine solche Rede hielt: „Wenn es wirklich einen Gott gäbe, glaubt ihr nicht, daß derselbe sich dann um mich bekümmern mußte, der ich mein ganzes Leben damit zubringe, seine Existenz zu leugnen? Schauet mich nur einmal recht an, wie gut es mir geht! Ich bin stark, guter Laune und seelenvergnügt, immer bereit, andere zum Lachen zu bringen, so gut wie irgend einer unter euch. Glaubet ihr nicht, daß.wenn es wirklich einen Gott gäbe, derselbe auf irgendeine weise feine Unzufriedenheit mit nieinen Vorträgen, mit denen ich ihn unaufhörlich lästere, kundgeben würde?" Bei diesen Worten stand ein in der Versammlung anwesender Bauer auf und sagte: „Mein Hund hat die Gewohnheit, alles anzubellen, was er sieht, sogar den Mond. Und was thut der Mond? Er fährt fort, in seinem Glanz und seiner Schönheit zu leuchten, ohne irgend welche Notiz von dem Geheul des unvernünftigen Wesens zu nehmen. Gerade so verhält es sich mit dein Redner, welchen wir soeben gehört haben. Er bellt gegen den Allmächtigen wie der Hund gegen den Mond. Und was thut Gott? Er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Er ist geduldig, weil er die lange Ewigkeit vor sich hat. Aber es komint ein Tag, wo er Rechnung halten wird mit allen Menschenkindern, wie es in der heiligen Schrift geschrieben steht." Diese einfachen, aber überzeugenden Worte eines Landmannes inachten einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Und das Zeugnis wurde nicht vergeblich abgelegt. Der Atheist beschloß seine irdische Laufbahn mit der Verkündigung des Evangeliums. Er war zu der Erkenntnis gekommen, daß, wenn ihn Gott so lange mit Geduld getragen hatte, dies keine Folge seiner Machtlosigkeit, sondern vielmehr eine Folge seiner unbeschreiblichen Barmherzigkeit und Langmut war. Zum Nachdenken. Ich rufe ein Pfui über den Menschen, der sich seines freundes schämt, und ein wehe über den, der sich seines Gottes schämt. Ich bitte Dich, lieber Herr, eher laß mich (und wäre es auch mit Unbedachtsamkeit) im Zeugen für Dich zu viel thun, als daß ich Dich durch Schweigen verleugnen sollte. Gar viel kommt aber darauf an, wie man zeugt. Es muß so sein, daß das Predigen einem über die Lippe läuft wie eine (Duelle, die sich nicht verstopfen läßt, wo die predigt so ausgeht, da geht sie auch am ehesteu wieder ein. Das geschieht nun, sobald die Liebe in einem Kerzen recht webet und wallet, daß man sich des Bruders geistliche Not und das Heil, welches ihm zu teil werden könnte, recht lebendig vorstellt, auch das gute Zutrauen dabei hat, daß der Geist des HErrn Bahn machen wird. Es erzählte mir einer, der viel gereist war, daß er fast nie mit einer Reisegesellschaft zusammengetrofsen, mit der er nicht ein Wort über die Reise nach dem himmlischen vaterlande hätte sprechen können. Ich äußerte meinen Widerwillen gegen die absichtlich herbeigezogenen Bekehrungsgespräche. Er erwiderte gelassen: „Ich suchte nicht eher zu sprechen, als bis ich gewiß war, daß ich liebte. Ich vergegenwärtigte es mir, was man nur zu oft vergißt, daß wir Menschen wirklich alle zusammen Brüder sind, die demselben Vaterhause angehören, die aber so leicht des rechten Weges dahin verfehlen. Dabei wurde das Herz jedesmal weich und warm, war nun erst die Liebe in meinem Kerzen, so fand sich auch schnell die Brücke ins fremde Herz. Es war, als ob ein Gotteshauch die Fäden aus dem einen Kerzen ins andere führte und dort verknüpfte." Diese Erzählung habe ich nie wieder vergessen können. Ja, kann man aus der Liebe sprechen, aus einer anspruchslosen, demütigen Liebe heraus,