Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 53 (1897)
- Issue
- Heft 7
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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55 sich seine Lage im Glternhause immer schlimmer gestaltete. Der Vater drohte ihm schließlich, daß er ihn ganz verstoßen werde, wenn er den Besuch der Sonntagsschule nicht aufgebe, plötzlich trat eine Wendung ein. Beim Iahresfest der Sonntagsschule wurden die Schüler aufgefordert, Bibelverse oder Lieder, die sie gelernt halten, aufzusagen. Da erhob sich der jüdische Sonntagsschüler, dessen Geschichte vielen bekannt geworden war, und sagte ein auf Watth. JO, 38 zurückweisendes, die Leidenswilligkeit der Jünger Jesu schilderndes Lied in so herzbeweglicher Weise her, daß manches Auge feucht wurde. Am Schluß der Versammlung verpflichteten sich einige ältere Teilnehmer an derselben, für das Fortkommen des jungen Israeliten, der um Lhristi willen alles verlassen wollte, zu sorgen. Gin freundliches „Guten Worgenl" gewann in diesem Fall eine Seele aus Israel für den Erlöser. Folgen wir, liebe Witchristen, dem guten Beispiel! Wer versteht die MöeN Gieb dem Tugendstolzen, der mit einem „Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Menschen!" die Reihen der Sünder verächtlich mustert, Jesaia 55 und die Passionsgeschichten der Evangelien! Er wird nur dunkle Worte finden, die ihn kalt lassen oder gar beleidigen. Gieb dieselben Bibelabschnitte dem, der seufzend fragt: „Wen suchen wir, der Hilfe thu', daß wir Gnad' erlangen?"! Du wirst finden, daß er mit dem Entzücken eines Mannes, der einen Ausweg aus der Sklaverei erlangt, sich hineinvertieft, obgleich ihm noch manches darin dunkel ist. Nimm einen Menschen, dessen Kopf und Herz ganz allein von dem Gedanken an Theater, Bälle, Konzerte, Gesellschaften und dergl. bewegt werden! Du wirst ihn empfindlich beleidigen, wenn Du ihm Ps. 5l vorliesest. Dagegen sagte ein großer amerikanischer Staatsmann nach dem Lesen dieses Psalmes tiefaufatmend: „Heil mir! Jetzt habe ich mich selbst gefunden und einen Gott, wie ich ihn nötig hatte." (Nachbar ^897, Nr. jo.) ZU 3M 33, 15—17. In Glasgow bestand vor etwa ^00 Jahren der sogenannte Höllenklub, ein Verein von lasterhaften reichen Jünglingen. Die Seele desselben war Archibald Boyle. Einst hatte man das Iahresfest des Klubs mit einem Gelage gefeiert. Da träumte dem jungen Mann etwas Entsetzliches. Er ritt auf einem schwarzen Pferde durch die Kastanienallee, welche von Glasgow nach seinem Hause führte, plötzlich ergriff ein Unbekannter die Zügel des Rappen und führte den Reiter in rasendem Galopp jähe Abgründe hinunter in die Sötte. Unter den von einem düsteren Schein beleuchteten Gestalten erkannte Boyle frühere Genossen seiner Sünden. Aber auf seinen Anruf entfernten sie sich mit gesenkten Häuptern und scheuen Blicken. „Keine Ruhe in der Hölle!" tönte es ihm von allen Seiten entgegen. Zitternd sucht Boyle den Ausgang wieder zu erreichen, aber hinter ihmist der Boden eingesunken. Als er erschöpft zusammenbricht, reißt ihn eine eiserne Hand empor, und wieder erschallt der weheruf: „Keine Ruhe in der Hölle!" Da fleht er im Namen des lebendigen Gottes, den er so schwer beleidigt hat, seinen Begleiter an, ihn von diesem furchtbaren Orte wegzuführen. „Du darfst also noch diesen Namen aussxrechen?" lautet die Antwort. „Gut, so kehre einstweilen in Dein Haus zurück, aber wisse, daß wir uns übers Jahr, auf diesen Tag, begegnen, um uns dann nie mehr zu trennen!" Boyle erwachte und beschloß, sein Leben zu ändern. Aber es fehlte ihm an Mut und Kraft hierzu, und nur kurze Zeit brach er mit dem Höllenklüb. Seine Kameraden entlockten ihm sein Geheimnis, den, Traum, der ihn umgewandelt hatte. Ihrem Spott vermochte er nicht zu widerstehen, und so nahm er am nächsten Iahresfest wieder seinen gewohnten Platz ein. Um Mitternacht brach er auf. Am andern Morgen irrte das große schwarze Pferd, gesattelt und gezäumt, in der Kastanienallee umher. Dort lag der Leichnam seines Herrn am Boden.