Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 53 (1897)
- Issue
- Heft 5
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 im Leben gesehen und wieviel Köstliches ich auch in den Büchern der berühmtesten Schriftsteller gelesen habe: mir wird doch imnler ganz anders zu Mute, wenn ich andächtig die heilige Schrift lese. Da ist auch alles ganz anders. Da wehet und waltet ein ganz eigentümlicher Geist der Gewißheit und Entschiedenheit, der Ruhe und des Friedens. Da wird man allen kleinen und großen Lebensfragen entrückt, sieht alles ganz anders an und kommt unvermerkt in eine gute und erquickende Stimmung, wird ernster gegen sich selbst und milder gegen andere. Jedes Wort ist Wahrheit, und jeder kurze Satz schließt eine Welt von Gedanken in sich. (Friedrich Wilhelm III.) — Für viele gebildete Menschen unserer Tage ist die Bibel ein überwundener Standpunkt, ein Buch, das nie ganz gelesen zu haben sie sich garnicht schämen, obwohl dies in Bezug auf jeden andern antiken Schriftsteller der Fall sein würde. Es ist auch, ganz abgesehen von ihrem historischen Wert, der sich sogar immer mehr herausstellt, viel zu wenig bekannt, daß die Bibel das geistreichste aller Bücher ist, allerdings ein oftmals mit wenig Geist gelesenes und ausgelegtes, was jedoch nicht ihre Schuld ist. Sie ist auch das allereinzige Buch, dessen man niemals überdrüssig wird. Es kommt bei jeder andern, lange fortgesetzten religiösen Lektüre ein Moment, wo man alles menschlichen Geredes über diese innerlichen Dinge augenblicklich völlig satt wird: dann hält allein die Bibel noch aus. Die Bibel bildet das einzige und vielleicht einzig mögliche geistige Band, das alle Massen der Gesellschaft miteinander zu einer geistigen Einheit verbinden kann. (Prof. Hilty.) Christiane Florentine Decker. Jm Schatten der alten Begräbniskirche zu Berleburg, einer namentlich durch die Haug'sche Bibelbearbeitung berühmt gewordenen Stadt der Provinz Westfalen, liegt ein mir teures Grab. Es birgt die irdischen Überreste der Mutter meines Vaters, einer Frau, von welcher bei ihrer Beerdigung mit Recht gesagt wurde, daß sie „eine in vielem Betracht ausgezeichnete und seltene Frau" gewesen sei. Eharlotte Niese, die beliebte Erzählerin, berichtet aus ihrer Jugend, daß sie einst für einen dem Meere entrissenen Toten, dessen Angesicht ihr Begleiter verhüllen wollte, gebeten habe: „Ach, laß ihn die Sonne noch einmal bescheinen I" Die Bewohner ihrer Heimat, eines Eilandes, das oft von Nebeln bedeckt wird, lieben die Sonne mehr als manche andere Menschen. Gerne gönnte man daher auch jenem Toten noch einen Blick der Sonne. Als ich (896 nach langer Zeit wieder einmal am Grabe meiner Großmutter gestanden hatte, beschloß ich, einiges aus ihrer Geschichte ans Licht zu bringen und so ihre ehrwürdige Gestalt gleichsam noch einmal von der Sonne bescheinen zu lassen. Das Bild dieser Frau ist eins von den Bildern, die bilden. Man kann es nicht betrachten, ohne hierbei einen Segen zu empfangen. Thristiane Florentine Becker, geb. Rath, wurde am 6. Januar (765 in Berleburg geboren. Ihr Vater, Johann Rath, besaß das Berleburger Bürgerrecht und war Sergeant im Berleburger Kontingent