Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 53 (1897)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Hamburg liegt ein fruchtbarer Landstrich, der von Nachkommen holländischer Ansiedler bewohnt wird. Dies Gebiet, die Vierlande genannt, hat zwei Herren: es gehört dem Hamburgischen und dem Lübeckischen Freistaat an. Zwischen Christen und Israeliten aber giebt es mehr als Einen gemeinsamen Besitzstand. Ich rede 3. B. von der Luft, welche alle Bewohner eines Landes einatmen, von den Bodenerzeugnissen, deren sie sich bedienen, von der Sprache, in der sie ihre Gedanken einander kundgeben, von den allgemeinen Bildungsmitteln, die sie anwenden. In letzterer Hinsicht genießen wir alle ebenso die Schöpfungen unserer Denker und Dichter wie die Werke unserer Nlusiker, Nlaler und Bildhauer. Wie an den Gaben der Natur, so freuen wir alle uns an denjenigen der Wissenschaft und der Kunst. Ich erinnere weiter an die Gemeinsamkeit der bürgerlichen Rechte und Pflichten. Auch an der Verteidigung der Heimat nehmen alle teil. Im letzten Kriege pflückten sich Christen und Israeliten blutige Lorbeeren, und die feindlichen Äugeln trafen christliche und israelitische Aämpfer. Andererseits suchten damals beide T^ile die Schrecken des Krieges zu mildern. Von ihrem schönen Zusammengehen in den Jahren J870 und 7\ weiß die Chronik des Roten Kreuzes manches zu berichten. Aber bedeutsamer als alles Angeführte ist die auf dem religiösen Gebiet vorhandene Gemeinsamkeit. Bei ihr verweilen wir etwas länger. Beiden Teilen gilt das Alte Testament sls eine wichtige Religionsurkunde. Alt- und Neugläubigen auf beideti Seiten ist dies Buch teuer, wie verschieden sie es auch im einzelnen betrachten mögen. Das Alte Testament war die Bibel Jesu und seiner Apostel. Die Hochschätzung desselben seitens der Kirche hörte nicht auf, nachdem das Neue Testament hinzugekommen war. Insbesondere stand der Psalter allezeit in hohem Ansehen. Die Liebe zu den heiligen Schriften Israels bekundete die Christenheit auch gegenüber äußeren Vergewaltigungen, und so trägt das Alte Testament auch christliche Blutspuren. Desgleichen standen auf dem Schlachtfeld der Wissenschaft allezeit christliche Gelehrte neben israelitischen, um dem uralten Erbauungsbuch Ritterdienste zu leisten. Wie, großartig ist die dem Alten Testament christlicherseits gewidmete Übersetzungsarbeit! Wieviel haben ferner unsere Forscher zur Erklärung desselben beigesteuert I Nkit welchem Fleiß und . Eifer hat mancher eine Ehrenrettung der aittestamentlichen Schriftsteller gegenüber den Anklagen der Kritik erstrebt! Namen brauchen wir nicht zu nennen: die bedeutsamsten, die hier in Betracht kommen, sind in aller Wund. Wie in den heiligen Schriften Israels, so besitzen Christen und Israeliten auch in dem Lehrgehalt derselben ein starkes Einheitsband. Synagoge und Kirche stimmen darin mit einander überein, daß sie dem Alten Testament dieselben Grundlehren entnehmen, daß sie sich von ihm zu religiöser Erkenntnis und zu religiösem Handeln anleiten lassen. Die beiden gemeinsame Erkenntnis schließt u. a. folgendes in sich: Es giebt einen unerschaffenen persönlichen Urgeist. Dieser, den wir „Gott" nennen, war vor aller Zeit da. Er hat die ganze