Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 52 (1896)
- Issue
- 9 (1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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69 greisen Hauptes der Familie vorschwebt. Jetzt erwacht das verletzte Gewissen vollends. Gedämpft während der langen 20 Jahre, bricht es endlich wie eine ausgestaute Flut hervor. Auch das Löwenherz Judas bricht zusammen. Gr spricht das lösende Wort: „Gott hat die Missethat deiner Unechte gefunden." Gr nimmt aus Gottes Hand in dieser schauerlichen Gestalt die Strafe der alten Sünde mannhaft an und bekennt, daß er und seine Brüder die Strafe auch für eine Übertretung, deren sie sich jetzt allerdings nicht schuldig erkennen, rechtmäßig verdient haben. Es hilft nichts, sich mit Unschuld vor dem menschlichen Richter brüsten, solange der Allmächtige wider uns ist. Gott faßt uns, wo und wann Gr will, und wo es uns am schmerzlichsten ist. Der Sack Benjamins giebt uns die rechte Erklärung für die jetzige Lage Israels inmitten der Völker. Immer wieder steht Israel vor der Welt, des Frevels geziehen, das Vermögen und den Schmuck der Nationen, unter welchen es sich aufhält, auf unehrliche Weise an sich gebracht zu haben. Das Volk selbst ist fest überzeugt, daß sein Gewinn die redliche Frucht seines unternehmenden Geistes und seiner kaufmännischen Geschicklichkeit ist. Das Volk im Ganzen darf seine Widersacher herausfordern, es bei seinem Handel eines Verstoßes gegen die bestehenden Gesetze zu überführen. Dessenungeachtet bricht immer aufs neue ein ununterdrückbares feindliches Gefühl gegen die Israeliten hervor als Folge des befondern Glückes, welches sie in ihren Geschäften haben. Sobald sie sich Reichtümer ansammeln und sich des Bechers, aus welchem die Herrscher der Welt weissagen, bemächtigen, d. h. sich alle Vorzüge der Weltweisheit und die Stellungen, zu welchen dieselbe verhilft, aneignen, erwacht auch die Anklage gegen Israel. So war es einst in Spanien; so ist es jetzt in Deutschland. Wenn eine solche Bewegung noch in diesem Zeitalter wieder aufleben kann, so ist das ein Beweis dafür, daß Wissenschaft und Bildung sie nie werden unterdrücken können. Am allerwenigsten dürfte man das Aufhören der Verfolgung vom Unglauben erwarten; denn die Welt hat schon hinlängliche Proben, daß die Bigotterie und der Fanatismus der Atheisten rücksichtsloser und grausamer sind als der verkehrte Glaubenseifer. Gin echter Sohn Israels hat schon vor Jahrzehnten erklärt, der Atheist werde, wenn er die Oberhand bekomme, Israel wegen seiner Gesichtszüge anfeinden, weil der Jude durch fein Dasein ein unwiderleglicher Zeuge für Gott und die Bibel sei. Die Lösung der Iudenfrage erhalten wir erst, wenn wir über das Niveau alltäglicher Greigniffe, über den Schauplatz, wo Menschen mit einander verhandeln, hinaussehen und die höhere Hand wahrnehmen, welche das Geld und den Becher in den Sack gethan hat, in Verfolgung der hohen sittlichen Ziele, denen alles in Gottes Reich untergeordnet ist. Einige Israeliten mögen sich der Bündlein des Geldes und des Bechers im Sacke freuen, aber diese sind ihnen auf ihre Reise durch die Länder der Erde mitgegeben als ein geheiiner Bann, der immer aufs neue den Zank der Völker erregt, bis Israel sich endlich seinem Götte unterwirft. Wie die Erzväter, so dürfen