Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 52 (1896)
- Issue
- 9 (1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 bezichtigt. Die Iakobssöhne weisen diese Anklage mit Entrüstung zurück, da sie sich als ehrliche Männer wissen, welche die Gastfreundschaft ihres königlichen Gönners nimmermehr so unwürdig vergelten möchten. Mit dem stolzen Bewußtsein der Unschuld fordern sie zur Untersuchung aller Lücke auf. Vom ältesten an wird alles bis zum jüngsten durchsucht. Und zu ihrem Schrecken wird der silberne Becher hervorgeholt, welchen Joseph hatte in den Sack Benjamins legen lassen, um sie sämtlich als Verbrecher unter die Gewalt der Fremden zu bringen. Mährend man sie zuerst mit Auszeichnung behandelt hatte, werden sie jetzt des Frevels überführt, dem Herrn des Landes einen seiner Hauptschätze entwendet zu haben. Kann man sich den Sturm, der nun in den Kerzen dieser Männer tobte, vorstellen? Weder Feder noch Pinsel vermöchte ein Bild davon zu entwerfen. Solche inneren Vorgänge macht der Mensch durch, ohne sie zu begreifen. Später denkt er nur mit Schaudern daran. Aber der Geist Gottes erforscht sie und bringt sie an den Tag, wie wir es in der Rede Judas sehen. Ihr Vater, der alte Israel, weilt, ihrer mit Bangen gewärtig, im fernen Kanaan; er kann ihnen mit feinem immer weisen Rat nicht beistehen. Ist aber nicht dafür der Gott ihres Vaters nahe? Wäre dies ihnen nur gewiß, so hätte der Glaubensmut sie über alle Angriffe der Welt gehoben. Selbst der Einsturz des Himmelsgewölbes hätte sie getroffen, ohne sie zu erschrecken. Hier ist aber gerade ihre schwache Seite. Im innersten Gewissen wissen sich jene Männer mit schwerer Schuld vor Gott beladen, welche das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung unmöglich macht. Sie sind sich bewußt, kein Landesgesetz übertreten, kein Vergehen gegen den geheimnisvollen, schrecklichen Statthalter begangen zu haben. Allein von der ersten Stunde an, wo sie mit diesem Manne in Berührung gekommen waren, hatten sie die grausamsten Demütigungen erlitten. Nachdem sie alle 3 Tage im Gewahrsam gehalten worden, eröffnete Rüben den Reigen mit dem Sündenbekenntnis: „Sagte ich's euch nicht, da ich sprach: „Versündiget euch nicht an dem Knaben I"? Und ihr wolltet nicht hören. Nun wird sein Blut gefordert." Noch größer wurde die Angst, als man auf Josephs Befehl den Simeon band und im Kerker zurückbehielt. Nachdem also der Anfang geschehen und das Auge nach der rechten Richtung gerichtet worden war, traf jeder neue Schlag die Wunde im Gewissen und riß sie aufs neue auf. Die genaue Kenntnis aller ihrer Verhältnisse, welche der gefürchtete Herr des Landes an den Tag legte, da er ihnen ihre Plätze am Tisch nach dem Alter anwies und Benjamin, den rechten Bruder Josephs, so auffallend bevorzugte, rief ihnen bei jeder Wendung den verschollenen Joseph ins Gedächtnis. Die Menschen mögen sich noch so sehr bemühen, das kranke Gewissen zu dämpfen und die Stimme der begrabenen Sünden zurückzuweisen: sie können doch nicht die von Gott verordnet Auferstehung derselben Hintertreiben. Gottes Stunde schlägt, als die Erzväter den Benjamin, den sie doch unschuldig wissen, als Verbrecher in den fänden der Wäscher sehen, als ihnen dann das Bild des durch Kummer in das Grab hinsinkenden