Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 52 (1896)
- Issue
- 2 (1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\0 Und so wird wohl auch die Beurteilung von Iudenchristen oft eine irrige, allzu günstige sein. Übrigens dient die begehrte und empfangene äußere Hilfe manchmal als Antrieb zum Trachten nach einem höheren Gut. Dieselbe Beobachtung macht die Innere Mission. So erzählt das ,,Edelweiß" (\893, S. 9O8) aus der Sommerpflege der armen Näherinnen: „Die gütigen Damen dürfen es nicht übel nehmen, wenn wir verraten, daß sie meist durch den Magen den Weg zum Kerzen ihrer Pfleglinge flnden. Es ist ja nur zu erklärlich, daß unter dem täglichen Druck der Sorge, Arbeit und Entbehrung das innere Leben in mancher Seele erstickt wird. Es lebt erst dann wieder auf, wenn der Leib zu seinem Recht gekommen ist. Sobald das geschehen, tritt allmählich in vielen Seelen das Bild des Heilandes wieder in den Vordergrund." Indessen giebt es gottlob viele Fälle, wo wir uns nicht täuschen, wenn wir annehmen, daß der Religionswechsel nicht um irdischer Vorteile willen, sondern „aus Überzeugung" stattgefunden habe. Von einem solchen will ich heute berichten. In: Juli \888 knüpfte ein jüdischer Geschäftsmann in einer kleinen schlesischen Stadt mit mir einen Briefwechsel an. Er schrieb mir nach Breslau, es sei ihm ein dringendes Bedürfnis, in schriftlichen Verkehr mit mir zu treten, und er hoffe, seine Bitte um einen guten Rat erfüllt zu sehen. Der Mann schilderte seine Vermögens- und Familienverhältnisse, erwähnte, daß er eine ev. Elementarschule, später ein Gymnasium besucht habe, und fuhr dann fort: „Seit Jahren bemerke ich, daß mein Herz nicht mehr seine Befriedigung in der Geburtsreligion findet; es neigt sich immer mehr dem ev. Glauben zu. Ich bin der Mann nicht, welcher sich von Äußerlichkeiten bestimmen läßt. Ich prüfe fortwährend und möchte gerne das Beste wählen. Doch es ist schwer, sehr schwer, darum will ich Ihren Rat hören. Das Hierselbst stattgefundene Gustav-Adolfs-Fest, zu welchem auch ich gastliches Quartier bot, hat mich meinem ersehnten Ziele etwas näher gebracht, denn das Thun und Lassen und die Prinzipien des Vereins, welche kennen zu lernen ich die Ehre hatte, haben mich über viele Bedenken hinweggehoben." Nachdem der Briefschreiber die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß sich die Wandlung seines Herzens in der Stille vollziehen könne, schloß er mit dem Wunsch: „Daß Gott helfen möge l" Kurz darauf besuchte mich der nach der vollen Wahrheit strebende Israelit und ließ mich noch tiefer in sein Inneres hineinsehen. Ich konnte ihm nun mündlich über dies und jenes Auskunft erteilen und zur Klärung der Gärung ein wenig beitragen. Dankbar nahm er meinen Unterricht an, und gerne versah er sich mit einer Anzahl Schriften, die zu weiterer Förderung seiner Erkenntnis dienen konnten. Der Glaubenskampf endete durch Gottes Gnade mit einem Glaubenssiege. Zwar wurde dem wackeren Streiter durch verschiedene Umstände die Sache schwer genug gemacht, aber er blieb seinem Entschlüsse, der Wahrheit zu folgen, treu. An seinem Wohnort erhielt er von einem Prediger der dortigen ev. Gemeinde einen regelmäßigen Taufunterricht. Endlich bekannte er in der Taufe feierlich seinen Glauben an den Messias Jesus und wurde ein Glied der Kirche.