Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 51 (1895)
- Issue
- 12 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Diese Sage wird zum Gleichnis. Der in die Gewalt eines ihm feindlich gesinnten Geistes geratene König ist das aus seiner Heimat vertriebene, in alle Lande zerstreute Israel. Von den einen bedauert, von den andern verspottet, wandert das Volk des alten Bundes ruhelos von Ort zu Ort. Unter den Völkern, zu denen es kommt, findet es seine heiligen Schriften, die Gesetze und Meisheitssprüche, die Psalmen und Prophezeiungen des ersten Teils der Bibel. Aus den christlichen Gotteshäusern tonen ihm sogar Laute seiner eigenen Sprache entgegen: Hallelujah, hosianna, Amen. Aber von einem Zusammenhang mit Israel will die große Masse nichts Horen. Von wenigen Gutgesinnten abgesehen, hat man für dies Volk keine Zeit, keinen Rat, keine That, kein Herz. Man höhnt und hetzt es von Land zu Land, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Soll dieser traurige Zustand ewig bestehen bleiben? Neinl Asmodai wird auch diesen Gefangenen einmal losgeben. Hagar konnte ihres Knaben Sterben nicht anfehen. Esther konnte dem Übel nicht zusehen, das ihr Volk treffen sollte, konnte nicht zusehen, daß ihr Geschlecht umkam. Gin treuer, menschlicher Vater opfert den letzten Pfennig, setzt den letzten Atemzug daran, um seinem verlorenen Sohne zu helfen. Gr spricht: „Essen und hungern, Schlafen und Machen, Ruhen und Laufen, Leben und Sterben gilt mir gleichviel, wenn ich nur eine kleine Spur von meinem Kinde finde. Solange noch ein Odem in meiner Brust ist, solange meine Füße mich noch tragen, muß ich es suchen, und wie ein Hund muß ich der gefundenen Spur folgen, bis ich die Rettung vollbringen kann!" Mir sollte der Allerbarmer sein Israel auf immer dem Elend preisgeben? Er wird Verheißungen wie Ies. 5H, js an den Söhnen Jakobs herrlich in Erfüllung gehen lassen. Die Kinder Israel sind, wie es Sach. 9, \2 so schön heißt, Gefangene der Hoffnung. Derselbe Vers lehrt aber, daß Iehovah die Gewalt des bösen Geistes, welcher sie jetzt unterworfen sind, nur dann brechen kann, wenn sie zur Festung zurückkehren, d. h. in die Gottesstadt wieder eintreten, welche der eingeborene Gottessohn zu einer Friedensburg für die Menschheit gemacht hat (Vs. 9 f.), wenn sie ihren Unglauben fahren lassen und Iesum von Nazareth als ihren Messias annehmen. Die Zriöek auf dem Tyron. Ls giebt ein uraltes Bild von der i. I. 5S\ zu Konstantinopel abgehaltenen, sog. zweiten allgemeinen Kirchenvcrsammlung. Auf diesem Bilde erblickt man den Stuhl des Kaisers Theodosius und die Sitze der Bischöfe, zwischen den letzteren aber auch einen Thron, ans welchem niemand sitzt, was für eine Bewandtnis hat es mit diesem nicht weit vom Kaiserstuhl steh» »den Thron? Ls liegt auf demselben ein aufgeschlagenes Buch: die heilige Schrift, die höchste Richterin in allen Fragen des christlichen Glaubens und Lebens. In Wirklichkeit fing mau damals leider schon an, der Bibel den ihr gebührenden Ehrenplatz streitig zu machen und Menschenmeinunge» über ihre untrüglichen Lehren zu stellen, Hieraus entwickelte sich „die tödliche Krankheit des Mittelalters." Auch unsere Zeit läuft Gefahr, in jenen Fehler zu verfallen. Die Reformation gab der Bibel das Richteramt in Sachen des Glaubensund Lebens wieder: die Kinder der Reformation lassen es zwar an Ehrenbezeugungen gegen das Buch der Bücher nicht fehlen, nehmen aber oft das Amt von ihin und übertragen es irrenden Menschen. Sorge jeder rechte Christ dafür, daß die Bibel ihre Herrscherwürde behalte I