Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 51 (1895)
- Issue
- 3 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\8 Zahlreich sind die bisherigen Einwirkungen des Christentums auf das antichristliche Judentum. Als eine Dichtung haben wir es anzusehen, daß der Apostel Petrus als Verfasser gewisser Teile des jüdischen Gebetbuchs genannt wird. Fraglich ist es, ob der christliche Glaube an die unsichtbare Gegenwart des Heilandes beim heiligen Abendmahl die Juden bewogen hat, bei ihrer paffamahlzeit einen Becher mit Wein für den Propheten Elia zu füllen und eine Thürs zu öffnen, damit dieser wie Jesus gen Himmel gefahrene Vorläufer des Messias cintreten könne. Dagegen steht es z. B. fest, daß die christliche Sittenlehre, die ja nicht, wie man uns glauben machen will, mit der jüdischen identisch ist, die gesetzliche Ordnung der Einehe durch Gerschom Ben Juda (gest. (0H0) bewirkt und wenigstens bei den Juden in Europa zur Geltung gebracht hat. Den größten Einstuß aber übte das Christentum in unserm Jahrhundert auf das Judentum aus. In den Synagogen führte man christliche Gottesdienstformen ein (Gebet und Predigt in der Landessprache, Kunstgesang und Orgelspiel, Konfirmation von Mädchen wie von Knaben). Man regte die Frauen zu regelmäßiger Beteiligung an den allgemeinen Gottesdiensten an und veranstaltete für die Jugend besondere. Es entstand eine jüdische innere Mission (Bibelanstalt, Traktatenverbreitung, Abfassung von Jugendschriften, Fürsorge für das leibliche Wohl verschiedener Altersklassen und Stände, pflege entlassener Strafgefangener, Begründung eines jüdischen Diakonissenwesens). Synoden vereinigten Rabbiner und Laien zur Beratung über Religionsfragen. Hie und da konnte man von der Kanzel oder (wie in Breslau bei der Mendelssohnfeier J886) vom Lhorstand Worte des Neuen Testaments hören, wie solche Worte auch einem Nachruf zu Grunde gelegt und als Inschrift für einen Grabstein gewählt wurden. Einzelne priesen Jesum als den größten Lehrer der Menschheit und freuten sich seiner Zugehörigkeit zu den Juden. Trotz alledem steht Israel der Hauptlehre der Kirche immer noch mit demselben entschiedenen Unglauben gegenüber, der es seit dem ersten christlichen Jahrhundert in so viel Unglück gestürzt hat. Noch immer weigert es sich, mit Paulus zu sprechen: „Ich diene dem Gott meiner Väter auf dem von Christo gewiesenen neuen Wege" (Apg. 2% (H). Der englische Rabbiner Morris Joseph giebt in seinen Predigten über das Ideal im Judentum bereitwillig zu, daß seine Religion insofern den Vergleich mit der christlichen nicht aushält, als ihr jene Hauptgestalt fehlt, deren Leiden und liebenswürdiger Charakter einen so mächtigen Einfluß auf die Gemütsbildung ausüben. Indessen weiß er sich über den Mangel zu trösten. Das Ideal des Juden ist nach ihm der Jude selbst. Line Beleuchtung dieses Gedankens finden wir in David Kaufmanns überschwenglicher Lobrede auf den Breslauer Seminarlehrer Rosin. Nachdem der Schüler von dem angebeteten Iudenthum seines verstorbenen Meisters gesprochen hat, versteigt er sich zu dem Urteil: „Hinter jedem Worte, das seinem beredten Munde entströmte, hinter jedem Satze, der seiner weihevollen Feder entquoll, stand seine anbetungswürdig reine Persönlichkeit." Von solcher Menschenvergötterung, von solchem dem Gottes- und Lhristusdieqst gegenüber-