Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 50 (1894)
- Issue
- 12 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die Spaniolen die Geschäfte. Viele sind als Makler oder Ausläufer angestellt. Jeder huttragende (Schapkali) wird von ihnen angefallen und verfolgt. Ihre Belohnung ist gering. Ihre Platz- und Sprachenkenntnis machen sie unentbehrlich. Mancher treibt zuerst einen Handel mit Früchten, Fischen, Zeitungen, Ralendern. Später beschäftigt er sich mit Papier und Glas. Der Arme begnügt sich mit einer Zwiebel oder einem Stück Brot mit etwas Ol und einer Ligarette. Die Reichen leben teilweise europäisch. Viele lassen ihre Söhne studieren. Aber wie die Armen kommen auch die Reichen ihren Religionspflichten gewissenhaft nach. Reiner arbeitet an einem Feiertag. In Balat und haßköy geht am Freitagabend ein Synagogendiener herum, um die Zeit für das Anzünden der Lichter anzusagen. Der Aberglaube der Spaniolen äußert sich z. B. als Tagewählerei. Tine bestellte Arbeit darf nicht sofort, sondern erst an einem für den Bestellerglückbringenden Tage ausgeführt werden. Wechsel werden immer so ausgestellt, daß der Zahlungstag auf den Sonnabend fällt. Weshalb die Frage: „Wieviele Füße hat die Ratze?" die spanischen Juden so sehr ärgert, und weshalb sie in der Antwort entweder dreieinhalb oder fünf angeben, vermochte der Verfasser nicht in Erfahrung zu bringen. Das Oberhaupt der Juden von Ronstantinopel ist der Großrabbiner (Cliackam baschi), der Vorsitzende des bürgerlichen und geistlichen Rats (Beth Haddin). Er wohnt in Rüsgünschük bei Skutari und steht den christlichen Patriarchen im Range gleich. In Balat zeigt man in einer armenischen Rirche ein altes Thor, welches den heiligen Georg in Relief darstellt. Über dem Bilde steht die deutsche Inschrift: „Georgius mit Löwenmut den giftig Drachen töten thut." Auf einem andern Basrelief erblickt man den Heiland, wie er die Geldwechsler aus dem Tempel treibt. Die gleichfalls deutsche Inschrift beschreibt das Bild und fügt die Jahreszahl \72{ bei. Ehe dies Erzeugnis deutscher Erzgießerei ins Iudenviertel kam, befand es sich in einer Rumpelkammer des türkischen Arsenals. Seine frühere Geschichte ist noch nicht aufgehellt. A» Shit. 4, 5 a. (Ein verwaistes Mädchen von etwa \7 Jahren wurde unter einem falschen Oerdacht gefangen genommen. Als sie aus der Haft entlassen worden war und in ihr Heimatsdorf zurückkehrte, wollte sie niemand ins Haus aufnehmen. Endlich erbarmte sich der Schullehrer der Verlassenen. Doch auch in seinem Hause war ihres Bleibens nicht. Seine Frau teilte das allgemeine Vorurteil, und so wurde die Unglückliche wieder forigeschickt. Ihr Los war um so trauriger, als gerade der Winter seine Herrschaft ausübte, von den Lebenden verstoßen, begab si.1i das arme Mädchen auf den Friedhof und setzte sich neben dem Grabe ihrer Mutter auf den harten Erdboden. Dort fand man sie am andern Morgen als Leiche. Sie war in der Nacht erfroren. — Mb nicht der stumme Mund der Toten eine laute Sprache geredet hat für alle, die durch ihre Hartherzigkeit das unschuldige Mpfer einer Anklage gemordet hatten? Selbst dann, wenn jemand ein Sünder vor andern ist, darf er von den andern, die Gottes Gnade vor denselben Fehltritten bewahrt hat, nicht verstoßen werden, wie Jesus die Sünder annimmt, so soll auch jeder Christ er. barmende Llebe üben.