Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 50 (1894)
- Issue
- 11 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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86 unsere Zeit und ihre vielen offenen Fragen. Das A. T. giebt eine sichere, siebenfach geläuterte und bewährte, durchaus probehaltige Antwort auf alle Grund- und Lebensfragen der Menschheit, und zwar in einer allgemein faßlichen Form. Es zeichnet mit diamantenem Griffel die göttlichen Grundlinien des wahren Verhältnisses zwischen Gott und Welt, zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mensch/ Sein erster Vers scheidet die wahre Religion als Gottes Gabe und Offenbarung von der falschen, die des Menschen Erfindung ist. Von Gottes Schöpferwillen trägt die Welt ihr Leben zu Lehen. Gott ist nicht wie eine träumende Weltseele in die Welt ausgegossen. Obgleich er sie mit seinem Wort durchdringt und beherrscht, thront er dennoch zugleich über ihr in selbstgenugsamer Lebensfülle. Gegenüber dem heiligen Gott, den die Propheten und Sänger Israels verkündigen (vergl. Ies. 6, 3), schrumpft die ganze gepriesene und oft gefürchtete Weisheit des Tages in ihr Nichts zusammen. Die Weltanschauung des A. T. ist ein Gegengift gegen Pantheismus und Materialismus: Ebenso hebt es uns bezüglich der Stellung des Menschen zu Gott aus aller Täuscherei heraus. Es setzt eine Arone auf unser Haupt und drückt einen Adel auf unsere Stirn ((. Mose J, 27; ps. 8, 5 ff.). Aber es demütigt uns auch aufs tiefste durch die Offenbarung unseres Abfalls von Gott. Es gießt hiermit ein neues Licht aus über die dunkle Hälfte unseres Daseins und der Welt, welche die Philosophie nicht erklären, geschweige denn verklären oder überwinden kann. Wir sind entthronte Rönige und dem Tode verfallen. Aber unser Elend ist nicht Gottes letztes Wort. In den Widerspruch zwischen unserer schöpfungsmäßigen Herrlichkeit und unserer erfahrungsmäßigen Unseligkeit leuchtet die Sonne der Gnade hinein. Das A. T. enthält erschütternde Klagen über den Riß, der durch unser Leben geht (ps. 40, (3), aber auch den Jubel der Erlösten (2. Mose 34, 6f.; ps. 32,(; 23, 0- Zwischen diesen beiden Polen liegt die göttliche Erziehung, die dem Menschen mit Liebesbeweisen zuvorkommt, ihn richtet und aufrichtet. Ihr deutlichstes und ergreifendstes Bild sinden wir in Israels Geschichte. Die letztere zeigt uns das Herz eines Gott<s, zu dem wir. ein Herz fassen können, weil er die heilige Liebe ist. Diese Liebe bindet auch den Menschen an den Menschen. Zwar faßt das A. T. die menschliche Gemeinschaft noch in nationale Schranken. Aber es sind schon Ansätze zu ihrer Erweiterung auf die Menschheit vorhanden. In der Familienordnung und Volksgemeinschaft sind lehrreich und vorbildlich die Fürsorge für die Armen, Kleinen, Gedrückten und das Zürnen gegen Vergewaltigung und Ausbeutung. Für den hungernden Beschauer des Kornfeldes oder Weinbergs, für die kriegsgcfangene Sklavin wird mit gleicher Milde gesorgt wie für das dreschende Rind und die geängstete Vogelmutter. Dem häuslichen und ehelichen Leben, den Eltern, Rindern und Dienstboten sind Grundsätze voll Weisheit, Ernst und Güte vorgezeichnet. Im sozialen Leben wird nach oben und nach unten eine gerechte Wage gehandhabt. Aber das A. T. zielt noch höher. Es leitet die Menschheit aus Einem Blute ab und sieht, an Einem Ziele die Wege aller Völker zusammen-