Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 50 (1894)
- Issue
- 8 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 gekommen war, sah er hier das von Titus aus Jerusalem mitgebrachte goldene Stirnblatt der Hohenpriester und den Vorhang, der vor dem Allerheiligsten gehangen hatte, und an dem noch Spuren von den am Versöhnungstage vorgenommenen Blutbesprengungen zu bemerken waren. Man kann die Geschichte dieser Heiligtümer noch eine Zeitlang verfolgen. ^55 kamen sie infolge der Eroberung Roms durch Geiferich nach Afrika. 533 brachte sie Belisar, der Bezwinger der Vandalen, von Karthago nach Konstantinopel. Kaiser Justinian I. sandte sie nach Jerusalem und beschenkte einige dortige Kirchen mit ihnen. In Jerusalem aber gingen sie verloren. Vielleicht fielen sie den Persern in die Hände, als diese c>>4 die heilige Staöt einnahmen. Eine Reliefdarstellung der Tempelgeräte findet man an einer innern Leitenwand des Triumphbogens, welcher i. I. 8s dem Titus in Rom geweiht wurde und hier noch vorhanden ist. Warum erfolgte das furchtbare Ereignis, an welches der neunte Tag des fünften jüdischen Monats erinnert? Warum ließ Gott es geschehen, daß in jenem Jahre junger nud Schwert zahllose Opfer fordern durften? Josephus schreibt: „Keine Stadt hat je so viel erlitten." Er fährt dann fort: „Es war aber auch kein lasterhafteres Geschlecht auf Erden als dieses." Jerusalem tötete die Propheten und steinigte die Gesandten des höchsten. Es machte das Maß seiner Sünden voll, als es Gottes eingeborenen Sohn ermordete. Joas ließ einst den Sohn seines größten menschlichen Wohlthäters steinigen. Eine noch viel schändlichere Thal war die Kreuzigung Jesu, des Messias. Darum mußte sie auch eine außerordentliche Strafe nach sich ziehen. Der neunte Ab lädt ferner zu einem Einblick in die gärende Gegenwart Jerusalems ein. Wie das heilige Land nicht mehr von Milch und Honig überfiießt, so ist auch die heilige Stadt heutzutage nicht mehr, was sie in der Vorzeit war. Sie steht unter ungünstigen Gesundheitsverhältnissen, da man hier auf einem Trümmer- und Leichenfelde wohnt und fast nur Zisternenwasser gebraucht. Sie wird außerdem von einem Fremdherrscher schwer bedrückt. Der Türke liebt keine Veränderungen. Was für die Väter gut genug war, ist es auch für die Kinder. Eine reiche Frau bot eine Million Mark zur Wiederherstellung der Teiche Salomos, der früheren Wasserbehälter Jerusalems, dar. Aber die Regierung lehnte die Gabe ab. Umständlich und auch sonst mangelhaft ist die Rechtspflege wegen der Bestechlichkeit der Beamten. Die Fellachen müssen den zehnten Teil ihrer Bodenerzeugnisse an den Staat abgeben. Der Weizen bleibt auf dem Acker liegen, Vögeln, Feldmäusen und Beduinen preisgegeben, bis der Steuereintreiber kommt und ihn abschätzt. Der letztere ist aber meistens auch Gläubiger des Landmannes. Kann man sich wundern, wenn dieser, unfähig, die Wucherzinsen (5 — 500°/o) zu bezahlen, endlich zum Bettler oder Räuber wird? Aber inmitten der jetzigen traurigen Zustände bereitet sich etwas Neues vor. Zahlreiche christliche Europäer wohnen in Stadt und Land. Viele derselben sorgen für allerlei äußere Verbesserungen in der Bebauung des Bodens, in; Verkehrswesen u. s. w. Einzelne lassen