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Dibre Emeth · 1894-01-01 · 7 (1894) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
50 (1894)
Issue
7 (1894)
Date
1894-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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55 Zu Prediger 4, 12.*) Linst sah ich auf dem Felde einen Hirten steh'n: Er wollte seine Herde in die Hürde treiben. Doch seinen Schafen war's zu früh, hinein zu geh'n: Sie wollten länger noch aüf grüner weide bleiben. „was thun?" spricht er. „Des Tages Licht wird bald erbleichen. „Nur in der Hürde wird die Herde sicher sein: ,,Da kann kein Wolf, kein andrer Feind sie mehr erreichen. „wie aber bring' ich sie am schnellsten wohl hinein?" Da faßt ein Lämmlein er in seinen Arm Und tritt mit ihm zum Thor der Hürde ein. Wohl hält er's sicher, fest und warm. Doch blöckt's verlangend nach der Mutter sein. Und diese Hört's. Man sieht sie willig wandern Ihm nach zur Hürde. Und es folgen alle andern. — So war's gemeint, als Er aus Eurer Mitte Ein Schäflein nahm und in die ob're Hürde trug. Und wenn das Herz auch manchmal bang und zitternd frug: „warum, o Herr?" — Ex wollte Eure Schritte Ihm nach nur lenken und Euch Frieden schenken. Und wieder kam der Herr und.nahm ein Schäflein weg, Lin lieblich Rind, wollt Seiner Hand Ihr wehren? Er will ja nur den Zug zu Ihm vermehren, Luch stärken und verwahren auf dem schmalen weg. Schaut hin, wie beide droben herrlich sich entfalten Dort in dem Kreise jener ew'gen Lichtsgestalten! wünscht Ihr; man möchte sie zurück Euch geben? 0 nein, nur ihnen nach, hinauf zum Leben! „N ocheins?" Ach ja, so fragt das Herz mit blut'gen Thränen. „Noch eins, o Herr? Laß Deine Hand nun ab!" Doch Er, der einst den Toten Leben wieder gab, Er scheinet nicht zu hören Euer schmerzlich Sehnen. Doch gab Er eine Antwort Euch in Seinem Wort: „Die Schnur, die dreifach ist, die reißt nicht leicht entzwei. „Dort, wo nicht Jammer ist, noch Schmerzen, noch Geschrei, „Dort, in der Hürde, in dem schönen Friedensport, „Dcl Hab' ich Eure Kinder sicher nun geborgen, „viel besser, als es je vermöchte Euer Sorgen. „Und daß auch Ihr nach längern Wallfahrtsstunden „Zu meiner Hürde Pforten ziehet ein, „vom Ird'schen los, von allen Flecken rein, „Hab' ich die Schnurnun dreifach fest gebunden." Zu I>satm 23,4. „Ich sterbe und fürchte mich," sagte ein todkranker Christ zu seinem Seelsorger. „Die Worte der heiligen Schrift geben mir gerade jetzt keinen Trost, obwohl ich van Kerzen an dieselben glaube." „Aber wie können Sie sich dann noch fürchten?" fragte der Prediger. „Wohl wahr. Aber ich fürchte mich doch." Nun wurde dem Kranken, Ps. 23,4 vorgelesen, wo im hebräischen vom Thal des Todesschattens die Rede ist. Dann fragte der Besucher: „haben Sie jemals geglaubt, die Sonne sei ausgelöscht und für immer verschwunden, wenn ein Schatten sie verdeckte?" „Unsinn," sagte der Gefragte. „Ein solcher Thor hätte ich nie sein können." „Und doch sind Sie es eben jetzt," wurde ihm entgegengehalten. „Der Todesschatten verhüllt Ihnen die Sonne der Gnade, welche dennoch weiter leuchtet. Aber die Wolke wird vorüberziehen, und dann werden Sie die ewigen Wohnungen in ihrer Herrlichkeit *) gnl August *889 starb dein Obermedizinalrat S. in Stuttgart ein Rind, nachdem er frühex schon zwei verloren hatte. Da schickte ihm ein befreundeter ssrosessor das obige Gedicht zu, welches auch andern Leidtragenden zum Trost gereichen kann.

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