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Dibre Emeth · 1894-01-01 · 5 (1894) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
50 (1894)
Issue
5 (1894)
Date
1894-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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36 schärfste Scharfsinn erforscht seinen Sinn nicht. Das Wort vonl beschränkten Unterthanenverstand ist hier ganz am Platze. Wir würden völlig im Finstern tappen, wenn Gott selbst uns nicht ein Licht angezündet, wenn er sich uns nicht durch Mose und die Propheten, durch Lhristum und die Apostel geoffenbart hätte. Wer könnte sich ohne die Lehren der heiligen Schrift in der Weltgeschichte zurechtfinden? Auch das Einzelleben wäre voll dunkler Führungen, wenn Gott uns nicht fein Wort gegeben hätte. Wir würden ohne diesen Ariadnefaden auf den Zickzackwegen eines Labyrinthes umherirren, ohne den Ausgang zu finden. Indessen bleibt uns hienieden auch jetzt noch manches verborgen. Dem Grübler, welcher das Geheimnis des göttlichen Wesens vollkommen enthüllen will, ruft Rückert zu: „Begreifen willst du Gott? Last -einen blöden Eifer! Denn mehr muß sein als das Begriffne sein Begreifer." Ähnlich äußert sich ein arabischer Denker: „Wenn ich Gottes Wesen erkennen würde, wäre ich selbst Gott." Wir sind oft uns selber ein Rätsel. Noch weniger verstehen wir andere. Mancher, der sich seiner Menschenkenntnis rühmte, wird plötzlich zu seiner Beschämung gewahr, daß er sich getäuscht hat. Wie sollten wir da fähig sein, Gottes Sinn zu erkennen, Gottes Wege zu erforschen, Gottes Gerichte zu begreifen? Wie unsere Erkenntnis, so ist auch unsere Weisheit in ihrer Schwachheit eine Zeugin der göttlichen Größe. „Wer ist sein Ratgeber gewesen?" fragt Paulus mit Jesaia. (40, sS.) Läßt sich kein Weiser finden, welcher imstande gewesen ist, Gott zu unterweisen? Wir thörichten und sündigen Menschen nehmen es uns manchmal heraus, dem Allmächtigen Vorschriften zu machen, ihm zu sagen: „So und so solltest Du verfahren." In manchen Traueranzeigen heißt es von Verstorbenen, sic seien zu früh von hinnen geschieden. Hierin liegt eine Anklage gegen den Höchsten: „Du hättest sie noch nicht nehmen sollen." Aber er bekümmert sich nicht um die Ratschläge der kurzsichtigen Bewohner des Staubes. Mancher Tadler, der alles besser wissen und machen wollte als der liebe Gott, hat sich hinterdrein zu dem Geständnis herbeilassen müssen: „Er hat alles wohlgemacht." Vollends wird es sich im Licht der Ewigkeit, im Jenseits, Herausstellen, wie thöricht wir oft sind, wie flach unsere Weisheit ist gegenüber der Tiefe der seinigen. Nicht tief, sondern flach ist auch unfcr Reichtum, unsere gebende Liebe. Paulus fragt weiter: „Wer hat dem Herrn etwas zuvorgegeben, das ihm werde wiedervergolten?" Wenn Gott uns mit seinen Gütern erfreut, so sind diese nicht als Gegengeschenke anzusehen. Die Sache verhält sich nicht so, daß unsere sog. guten Werke ihn nötigen, uns gnädig zu sein. Vielmehr ist seine Gnade vollkommen frei und unverdient. Der Mensch ist ganz und gar unfähig, sein Heil selbst zu beschaffen. So wenig ein Leichnam sich selbst zu beleben vermag, so wenig kann ein Geistlichtoter an sich eine geistliche Auferstehung bewirken. Aller Menschenruhm wird hier und an anderen Stellen von Paulus zu nichts gemacht. Ebenso erklärt Johannes in seinem ersten Brief (4, so): „Darin stehet die Liebe: nicht, daß wir

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