Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 50 (1894)
- Issue
- 3 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Bei einem Karaitenrabbiner. Die Aaräiten sind bekanntlich eine jüdische Sekte, welche den Talmud verwirft und ein Glaubensbekenntnis von nur zehn Artikeln besitzt, während dasjenige der Talmudisten aus dreizehn besteht. In Rußland nehmen diese Juden eine angesehene Stellung ein. Ihr dortiger Oberrabbiner Uzum, der vor kurzem zu Baktschi Serai bei Sebastopol starb, empfing mehrfach Besuche von Alexander II. und dem jetzt regierenden Aaiser. Ihre Gesamtzahl wird auf \0000 berechnet. Am September v. I. besuchte Missionar Sternberg (von der Britischen Gesellschaft) mit seiner Gattin den Aaraitenrabbiner in der russischen Stadt O. Das Ehepaar wurde freundlich ausgenommen. Nachdem der Rabbiner seinen Gästen eine Erfrischung hatte vorsetzen lassen, begann eine lebhafte, nahezu zweistündige Unterredung über die durch den Messias Jesus vollbrachte Erlösung. Das Gespräch wurde in hebräischer Sprache geführt. Die Missionarsfrau beteiligte sich an demselben, indem sie ihrem Manne immer wieder messianische Stellen des A. T. angab, die er dann ins hebräische übersetzte. Der Rabbi war erstaunt darüber, daß eine Frau mit dem ersten Teil der Bibel so vertraut war. Als er behauptete, das A. T. werde von den Christen im Lichte des N. T. gelesen, erklärte Frau Sternberg: „Nein, wir lesen vielmehr unser N. T. im Lichte des A. T. Ohne das Alte könnten wir das Neue nicht verstehen. In unfern Kirchen lesen: wir immer zuerst aus denn Alten, dann aus dem Neuen Testament." Der Folgerung, daß der Messias bereits erschienen sein müsse, da Juda sein Scepter längst verloren habe, suchte sich der Aarait durch eine willkürliche Deutung von tz Mose qß, JO zu entziehen. Ies. 9, 6 wandte er auf einen Sohn hiskias an. Die Frage: „Wie kann ein Prophet Gottes einein Menschen solche Titel beilegen?" veranlaßte ihn jedoch, diese Aussagen auf Gott zu beziehen, welcher das geweiffagte Aind auf den Thron Davids berufen werde. Auch diese Auslegung thut dem Text Gewalt an. hieraus wurde Ies. 55 gelesen. Der Missionar fragte: „Rabbi, ist dies Kapitel nicht eine Weissagung von den Leiden des Messias?" Er antwortete: „Nein, es geht auf die Leiden Israels." „Aber wie kann es auf das Volk gehen? Der Prophet sagt ja: „Wir alle gingen in der Irre wie Schafe. Ein jeglicher sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn."" Die Antwort lautete: „In den letzten Tagen (bei der Ankunft des Messias) werden die Heiden bekennen, daß sie gröblich gesündigt haben, indem sie Israel haßten und verfolgten." Aber Sternberg zeigte dem Rabbiner, daß der Prophet unmöglich Israel gemeint haben könne, da es in Vers 7 heiße: „Da er gestraft und gemartert ward, that er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht aufthut." Beim Abschied sprach der Missionar die Hoffnung aus, der Rabbiner, der bereits ein hebräisches N. T. besaß, möchte ihm bei einer späteren Begegnung sagen können, daß er den Messias gefunden habe.