Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1894-01-01 · 3 (1894) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
50 (1894)
Issue
3 (1894)
Date
1894-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2554541-2555074-2555077--09343-2565490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jl_. vorangegangene Erkrankung von den übrigen Einwohnern der Stadt abgesondert waren. Das verkündigte Wort brachte in den durch die Trübsal weich gemachten Kerzen reiche Frucht, und viele wurden an den l)errn Zesum gläubig. Dies reizte die Feindschaft der katholischen Airche aufs äußerste, und die hohen Würdenträger derselben dürsteten nach Wisharts Blut. Ein fanatischer Priester Namens Wigton ließ sich bereit finden, ihre Pläne auszuführen. Er mischte sich eines Tages unter die Wenge, die der Perkündigung des Wortes zuhärte. Als Wishart nach der predigt auf einer schmalen Stiege seinen hohen Posten auf dem Thor verlassen wollte, trat der Mörder ihm entgegen. Aber noch ehe Wigton seinen Dolch aus den Falten seines Kleides ziehen konnte, hatte Wishart feine Absicht erraten und fragte mit durchdringender Stimme: „Freund, was willst Du thun?" hierauf zog der Reformator die Mordwaffe aus dem Kleid seines völlig widerstandslos gewordenen Gegners hervor. Dieser sank auf die Kniee, bekannte seine böse Absicht und nannte auch den Kardinal, der ihn zu dieser That gedungen hatte. Aber mit diesem Bekenntnis hatte er sich der Wut der Menge, die für den Prediger des Evangeliums in hohem Maße begeistert war, preisgegeben. Alle drängten sich gegen das Thor und forderten das Leben des Mannes, der ihren edelsten Wohlthäter und Freund hatte ermorden wollen. Georg Wishart flehte um Schonung, allein feine Stimme drang kaum durch die lauten Rufe der erregten Menge, plötzlich sieht das Volk ein seltsames Schauspiel. Wishart schlingt seine starken Arme um die zitternde Gestalt des Mannes, der beinahe sein Mörder geworden wäre, und ruft: „Wer ihn antastet, der tastet mich an. Er hat mir nicht geschadet, sondern hat Euch und mir großen Nutzen gebracht indem er uns gezeigt hat, was wir zu befürchten haben. Wir wollen in Zukunft wachsamer sein." Das war Georg Wisharts Rache. Zn dieser Erzählung tritt mir ungesucht ein Gleichnis vor die Seele. Zn dem armen, verblendeten Menschen, der sich gegen den Unschuldigen so schwer versündigt hat und deshalb der Rache und dem Tode anheimgefallen ist, erblicke ich mich, mich selbst in meiner Blöße, weil ich weiß, daß ich nichts als Zorn verdient habe. Aber in dem Gottesmann, der feine schützenden Arme um die Person seines Beleidigers schlingt, sehe ich einen Wiederschein dessen, der aus unendlicher Liebe, aus brünstigem Erbarmen mich und die ganze verlorene Menschheit in seinen treuen Arm gefaßt hat, des Königs, der seinem Volk sagen läßt: „Wer Euch antastet, der tastet meinen Augapfel an." (Sach. 2, 8.) Gottlob, der Bluträcher kann uns nichts thun, solange die mächtigen Zesusarme uns umfassen. Der Feind kann uns nicht überwältigen, solange wir in dieser unserer Festung bleiben. Arm, sündig und verloren in uns selber, aber gebeugt und gedemütigt zu den Füßen Zesu und eingehüllt in das Aleid der Gerechtigkeit unsers Bürgen dürfen wir vor dein Vater erscheinen. Zetzt sind wir Leute, die da angenehm gemacht sind in dein Geliebten, und in denen Er nnil auch wirken kann und will, was vor ihm gefällig ist. (Nach dem Schief. Fam.-Boten.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.