Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 49 (1893)
- Issue
- 7 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahr von dem Zauber ihres Namens hierher gezogen. Aber die großartige Einmütigkeit der Gottesverehrung, wie sie sich hier einst in himmelandringenden Gebeten und Gesängen äußerte, ist nicht mehr zu finden. Daf Jerusalem jetzt so darniederliegt, hängt mit dem Gericht zusammen, welches vor (825 Jahren über die heilige Stadt erging. Von der Bedeutung desselben erhalten wir einen Eindruck, wenn wir uns von dem Triumph berichten lassen, den Vespasian und Titus, die Führer der Römer im jüdischen Kriege, nach Beendigung des blutigen Ringkampfes feierten. Unter den Beutestücken, welche bei ihrem festlichen Einzuge in Rom vor ihnen her getragen wurden, befanden sich der goldene Schaubrottisch, der goldene Leuchter und Thorarollen aus Jerusalems Heiligtum, hinter den Trägern dieser Zeugen des israelitischen Gottesdienstes sah man Leute mit Bildern der römischen Siegesgöttin, der Viktoria. Roms Sieg über Israel wurde hiermit zugleich als ein Sieg über Iehovah, den Gott Israels, dargestellt. Und auch noch auf andere Weise sprach man die Überzeugung aus, daß mit dem Volk der Juden der Gott der Juden zu Boden geworfen sei. Der Zug, in welchem jene beide)! mit Lorbeer bekränzten Feldherren die Hauptpersonen waren, begab sich in den Tempel des Jupiter Lapitolinus, wo bicfcm Götzen Tieropfer dargebracht wurden. Zuvor hatte nian einen der tapfersten Verteidiger Jerusalems, Simon Bar Gioras, der mit andern Gefangenen hinter dern Triumphwagen hergeführt worden war, gegeiß.'lt mw getötet. ,,Unsere Götter stehen über Israels Gott!" so konnten die Röiner an jenem Feste prahlen. Die Abgötterei schien über die Verehrung des einigen wahren Gottes gesiegt zu haben. In Wirklichkeit hatte dieser Gott selbst sein Volk dahingegeben in Todesnot und Grabesnacht. So oft der 9. Ab wiederkehrt, soll Israel aufs neue bedenken, daß Iehovahs Zorneswetter sich beim Untergang Jerusalems entladen haben. Aber es wäre entsetzlich, wenn dieser Tag immer nur den alten Schmerz erneuern sollte. Gottlob weht der 9. Ab uns neben den bangen auch liebliche Klänge zu. Die Gebeugten dürfen sich am Stabe des göttlichen Wortes aufrichten. Auf die Woche der Arbeit, des Kampfes, der Leiden soll ein Sabbath der Ruhe, des Friedens, des Trostes folgen. Der HErr will sich seinein Volke wieder zukehren und ihm das Erbe seiner Väter wiederschenken. Er will dadurch die Klagelieder in Freudenpsalmen verwandeln. Noch einmal soll sich die Verheißung erfüllen: „Die Erlöseten des HErrn werden wiederkonimen und gen Zion konnnen mit Jauchzen. Ewige Freude wv d über ihrem Haupte sein. Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird weg müssen." Ob auch eine Ulutter ihres Kindes vergäße, so kann doch Iehovah seines Volkes nicht vergessen. Darum wird auch an Israel der Vers Wahrheit werden: „Endlich, endlich muß es doch mit der Not ein Ende nehmen. Endlich bricht das harte Joch. Endlich schwindet Angst und Grämen. Endlich muß der Kummerstein doch in Gold verwandelt sein."