Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 48 (1892)
- Issue
- 10 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Brauchen wir nicht eine Gewißheit, daß Gott versöhnt ist? Der Tag der Bedeckung war ein Hinhalten des Zornes Gottes von Jahr zu Jahr. In der messianifchen Zeit sollte die volle Versöhnung, d. h. nicht die Bedeckung, sondern Tilgung der Schuld eintreten. Gs ist ein merkwürdiges Moment der Weltgeschichte, daß der Jom Aippur hinfällig wurde, daß Israel als Volk zu existieren aufhörte, nachdem Jesus von Nazareth erschienen und der Abbruch des Tempels prophezeit, nachdem auch die Predigt seiner Jünger von Israel als Volk verworfen worden war. Für seine Anhänger erübrigte sich die Versöhnungsanstalt der vormessianischen Zeit, für seine Gegner brach der Zorn Gottes herein, der durch den Jom Aippur von Jahr zu Jahr aufgehalten wurde. Wenn Schiller Recht hat: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" — dann läßt sich wenigstens nicht leugnen, daß die Weltgeschichte für Jesus von Nazareth gegen sein Volk entschieden hat. Oder haben sich nicht durch ihn die alten Weissagungen der Propheten erfüllt, nach welchen auch die Heiden, die Gojim, Jehovah anbeten sollten? (Jes. (2, 9; Jes. 60; Jes. 2; Nlicha H.) Ist nicht der Anecht Gottes, der durch Schmach zur Herrlichkeit gelangt und durch seinen Opfertod sein Volk erlöst und versöhnt, wie ein vorausgeworfenes Schattenbild seines Lebens? (Jes. 53; vgl. Jes. ((,;; Micha 5, t; Sacharja \2, (0—\3, (.) 3. „Aber Jesus war ein Gotteslästerer; ausgetilgt werde sein Name!" so sprechen die Altgläubigen in Israel. „Gr war ein Schwärmer," so sprechen die Modernen. Beide wollen keinen gekreuzigten Messias. Der erste Ginwand beruht auf Unkenntnis und Haß. Gr hat dem Ginzigen nicht die Ghre genommen, sondern kennt nur den einen allein wahren Gott. (Vgl. Marc. (2, 28. 29; Lukas f8, (8. (9; Joh. \7, 3.) In ihm aber hat Gott feine Herrlichkeit offenbaret, er ist die Schechinah Gottes, von der auch das Alte Testament weiß. Gegen den zweiten Ginwand spricht die nüchterne Thatsache, daß sein Gvangelium die Welt erobert und seine Lehre Mehr Anhänger gefunden hat als alle anderen Philosophen, Dichter und Rabbiner zusammen genommen. Die beste Verteidigung des Areuzes Lhristi aber finden wir bei dem von Alt- und Neu-Gläubigen anerkannten Propheten: Jes. 53. Wer auch immer der Anecht Gottes seist mag, er trägt Schmach für andere, bringt sein Leben zum Schuldopfer und gelangt auf diesem Wege zur Herrlichkeit. Wiederum geht trotz Reichtums und Macht ein Gefühl der Unsicherheit durch die Israeliten aller Völker. Welcher rechte Jünger Jesu möchte nicht jede Vergewaltigung Israels verurteilen? Warum aber läßt Gott solche Verfolgung immer wieder zu? Warum verhallen seit (8 Jahrhunderten die erschütternden Bußrufe Israels in den Lüften? Vielleicht doch, weil Israel seinen Messias verworfen hat. Der Prophet Sacharja sagt Aap. \2, \0: „Wenn Israel aufblicken wird zu dem, den sie durchstochen haben — an jenem Tage wird ein Huell geöffnet sein dem Hause Davids und den Bewohnern Jerusalems für Sünde und Ungerechtigkeit." Dann wird Israel dauernd Glück und Frieden erlangen. Aonrad, Diakonns in Breslau.